Zwischen den Regalen

Neue georgische und deutsche Texte

Ein Girl, das eine silbrige Daunenjacke verschenkt. Eine Freundin, die sich in eine Pfanne verwandelt. Komplexe Vater-Kind-Beziehungen. Pillen, Palindrome und Parallelwelten zwischen den Regalen. Neueste Literatur, in der die Realität immer eine Möglichkeit von vielen darstellt, um Welt abzubilden.

Anthologie zum deutsch-georgischen Literaturfestival Berlinisi der Lettrétage, August 2018, herausgegeben von Eric Schumacher
3,99€ E-Book
ca. 300 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-75-8

August 2018

Inhalt: Neue Literatur aus Georgien und Deutschland

Neue Erzählungen, Kurzprosa und Lyrik von 16 Autorinnen und Autoren aus Berlin und Tbilisi, ausgewählt für das Berlinisi-Festival der jungen deutschen und georgischen Literatur. Georgien ist Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2018 und begeistert schon im Vorfeld durch literarische Entdeckungen, ein reiches, bei uns noch recht unbekanntes kulturelles Leben und ein eigenes Alphabet. Dessen Buchstabe g ziert das Cover dieser digitalen Anthologie mit einer vielseitigen Auswahl allerneuster Stimmen aus Deutschland und Georgien. Sie prägen und gestalten ihre jeweiligen Literaturszenen bereits und wurden zum Großteil mit Preisen ausgezeichnet.

Texte von Zura Abashidze, Helene Bukowski, Julia Dorsch, Nini Eliashvili, David Frühauf, Marie Gamillscheg, Nika Lashkhia, Ketevan Meparidze, Titus Meyer, Rudi Nuss, Tako Poladashvili, Giorgi Shonia, Lorena Simmel, Tornike Tchelidze, Anina Tepnadse und Saskia Warzecha.

Berlinisi ist ein Projekt der Lettrétage. Gefördert wird es von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und dem Georgian National Book Center.

Das Festival

Dieses E-Book erscheint zu BERLINISI – Festival der jungen Deutschen und Georgischen Literatur vom 29. August bis 02. September 2018 im Literaturhaus Lettrétage in Berlin. Es ist während des Festivals kostenlos in allen Shops herunterladbar.

Pillen. Von Anina Tepnadse

Unsere Clique traf sich bei Nikuscha zu Hause. Wir tranken, und ab und zu, wenn uns der Gesprächsstoff ausging, redeten wir über Bücher, abfällig, wie das unter uns Freunden so üblich war.

Zwischen zwei Schnäpsen sagte Sandro:

»Hast du Beigbeders Ecstasy gelesen?«

»Nein, soll aber geil übersetzt sein, hab ich gehört. Beigbeder ist voll krass«, antwortete Nikuscha.

»Kaufst du dir den?«

»Machst du Witze? Ich bin pleite.«

»Okay, wenn einer den Beigbeder auftreibt, soll der ihn mir mal leihen.«

Das war’s. Thema erledigt.

Stille.

Dann kam einer auf die Idee, die Gläser nachzufüllen. Zwischen den Schnäpsen tranken wir ein paar Schlucke Bier und schauten einander auf die Turnschuhe.

Natürlich hätte Sandro den Beigbeder von mir kriegen können. Schon deshalb, weil ich Sandro von meinen unzähligen Freunden am meisten mochte. Das Buch lag in meinem Rucksack, aber ich fand es total sinnlos, es ihm auszuleihen. Er würde es nicht lesen, weil er ständig betrunken war oder zugekifft. Außerdem schrieb er lieber selbst, als zu lesen. Er würde es irgendwo liegenlassen oder zu faul sein, es mir zurückzugeben. Echt nervig, der Typ. Er brauchte das Buch wahrscheinlich nur, um beim nächsten Treffen mit Genugtuung zu verkünden: Ich hab das geile neue Ding von Beigbeder zu Hause, hat mir jemand geborgt. Hab bloß noch keine Zeit gehabt, es mir reinzuziehen …

In dieser Runde brauchte man keinen Grund, um sich zu betrinken. Wenn es uns gut ging, tranken wir, um die gute Laune zu feiern. Wenn es uns schlecht ging, tranken wir, um gut drauf zu sein. Wenn es uns sehr schlecht ging, schossen wir uns einfach nur ab. So war es auch an dem Beigbeder-Tag. Mir ging es sehr schlecht. Keiner hatte mir was angeboten, was aufgezwungen oder was verboten. Ich nahm irgendwann einfach irgendwem zwei Pillen aus der Hand und schluckte sie. Eine halbe Stunde später durchlief mich ein warmes Gefühl, und ich spürte, wie ich schwebte. Ich versuchte, mir alles zu merken, um diese Empfindungen später irgendwo in einer Erzählung zu verwenden. Am Ende merkte ich mir sogar, wie ich versuchte, mir alles zu merken.

Ehrlich gesagt, ging es mir nicht besser, mir war jetzt bloß egal, dass es mir schlecht ging. Ich weiß nicht mehr, wie lange das dauerte. Als ich nüchtern wurde, dämmerte es draußen. Die anderen waren noch zugeknallt. Ich nahm den noch ungelesenen Beigbeder, Ecstasy – im Rausch geschriebene Stories, aus meinem Rucksack, legte ihn neben Sandro und ging.

(…)

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Der Herausgeber

Eric Schumacher studierte Betriebswirtschaft in Köln und lebt seit zwölf Jahren mit seiner Familie in Berlin. Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Künstler*innen-Netzwerks KOOK e.V. Neben seinen schriftstellerischen Aktivitäten und diversen „Brotjobs“ hat er als Literaturaktivist verschiedene Projekte organisiert, zuletzt Die Stadt der Anderen und die Veranstaltungsreihe KOOKread. Er ist seit der Gründung 2016 im Vorstand des NFLB und engagiert sich im Arbeitskreis Räume und im Sprecher*innenkreis der Koalition der Freien Szene, Berlin.