Mein Brief an die NSA

Auf der Suche nach meinen Daten

Der preisgekrönte Journalist und Autor Sebastian Christ hat mit sechs Geheimdiensten korrespondiert, um herauszufinden, wo und ob eine Akte über ihn vorliegt. Eine persönliche Reportage und eine Offenlegung. Anschaulich, aufklärend – und hochaktuell.

1,99€ E-Book
120 Seiten, als ePub, mobi, PDF
ISBN 978-3-944543-12-3

Ende Dezember 2013

„Großartiges Essay, das verstehen hilft, wie unsere Daten im Krieg gegen den Terror immer weiter von den Geheimdiensten in Beschlag genommen wurden. … Stilistisch und inhaltlich eine echte Bereicherung der Debatte.“
berlinliebhaber, Amazon-Kritik

„A fascinating journalistic insight into an attempt to get the information that is rightfully yours from a faceless secret service.“
Lucy Renner Jones, Transfiction.eu

„Sebastian Christ hat keine Beschwerde geschrieben, sondern seine Erfahrungen mit dem Informationsfreiheitsgesetz in einem Essay zusammengefasst.“
Cornelia Lütkemeier, FAZ

Inhalt: Auf der Suche nach Datenschutz

Seit dem 11. September 2001 haben sich die US-amerikanischen Sicherheitsorgane immer stärker in sein Leben gedrängt: Der Krisenreporter Sebastian Christ beschreibt anhand seiner Biographie leicht verständlich, wie das Misstrauen in sein Leben und Arbeiten Einzug gehalten hat.

Wie der Krieg, der scheinbar fern von uns etwa in Afghanistan geführt wird, vor unseren Augen, auf unseren Bildschirmen, mit unserem Datenmaterial stattfindet. Seit der NSA-Affäre machen sich immer mehr Menschen über ihre Datensicherheit begründete Sorgen. Ein einst naiver, optimistischer Umgang mit dem Netz ist einem großen Zweifeln gewichen. Das erste E-Book zur Debatte, auch für die, die glauben, dass sie gar nichts zu verbergen haben.

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Ich wurde geboren in einer Stadt voller Laub und Ruhe. Mein erstes geschriebenes Wort war „Otto“, wie die Fernsehrobbe des Hessischen Rundfunks. Getippt habe ich es auf der mechanischen Schreibmaschine meiner Eltern. Ich erinnere mich noch an das Gefühl dabei: Wie ich meinen Zeigefinger fest anspannen musste und die Typenhebel mit einem hellen Klacken aufs Papier schlugen. o-t-t-o. Mein zweites Wort war „ja“, das dritte Wort war „nein“. Großbuchstaben lernte ich erst später. Nullen und Einsen malte ich damals auf Papier, nur mit der Vier hatte ich Probleme, sie sah aus wie eine Mistgabel. Das erste Mal online war ich mit sechs Jahren, auf dem Hauptpostamt von Frankenberg/Eder. Direkt neben dem Aushang mit den gesammelten Telefonbüchern der Bundesrepublik Deutschland stand ein BTX-Terminal, auf dem Besucher die neue Datentechnik ausprobieren konnten. Ich musste mich auf die Zehenspitzen stellen, um die Tastatur zu erreichen. Die erste Seite, die ich ansteuerte, war die des ADAC. Ich mochte die Buchstabenkombination.

Unser Nachbar war Inhaber einer Fabrik für industrielle Waffelmaschinen. Was auch immer in den folgenden Jahren an neuer Kommunikationstechnik nach Frankenberg kam, er verfügte als einer der ersten darüber. Mein erstes Mobilfunktelefonat führte ich mit sieben Jahren von der Rückbank seines Mercedes aus. Das erste Fax meines Lebens sah ich bei ihm, und mit 15 Jahren durfte ich den Computer im Büro der Familie nutzen, um zum ersten Mal ins Internet zu gehen.

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Frankenberg war damals noch wie eine Insel. Wenn ich etwas brauchte, musste ich stets einen Weg zurücklegen. Ich liebte die Gespräche mit den demonstrierenden Studenten in Marburg. Vierzig Kilometer. Museumsbesuche. Fünfundsiebzig Kilometer. Oder die Kinobesuche im nächsten Cineplex, wo die neuesten Filme liefen. Einhundertfünfzig Kilometer. Zwischen meiner Konfirmation und dem achtzehnten Geburtstag sparte ich auf einen Führerschein.

Es gab nur eine Bibliothek, am alten Marktplatz. Ich war zwei- oder dreimal in meinem Leben dort, und noch bei meinem letzten Besuch wurden mir Kinderbücher zum Lesen empfohlen. Ich erinnere mich an das leise Schlurfen meiner Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, wenn ich die anderthalb Kilometer zum einzigen gut sortierten Kiosk der Stadt ging, um die Süddeutsche Zeitung zu kaufen. Ich ahnte damals schon, dass ich nicht den Kopf in eine Zeitungsseite stecken musste, um in die Welt hinaus blicken zu können. Es gab damals übrigens wirklich noch Menschen, die Artikelausschnitte sammelten.

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Verrückt, ich erinnere mich nicht mehr an die erste Website, die ich in meinem Leben besucht habe. Eine Sache ist mir jedoch noch sehr gut im Gedächtnis: Als ich von jenem Drehstuhl im Büro unserer Nachbarn wieder aufstand, war ich merkwürdig erschöpft. Nicht in einem körperlichen Sinn. Ich war voll von Gedanken, so wie nach einer großen Reise.

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Die Zeit, in der ich mir noch kein Modem leisten konnte, war voll von Spaziergängen. Manchmal zu unseren Nachbarn, manchmal in die Fußgängerzone, wo kurz vor meinem Abitur das erste Internetcafé eröffnete. Es lag in einem schmalen, schlauchartigen Ladenlokal oberhalb eines weiß gekachelten Imbisses. Ich hatte stets den Geruch von Bratwürsten in der Nase, wenn ich mich an den Röhrenbildschirm setzte. Noch zur Jahrtausendwende fühlte sich das wie eine Expedition an. Ich. Ging. Online. Man sprach damals noch von „Internet-Sitzungen“. Bezahlt wurde minutengenau. So achtete ich stets darauf, in kurzer Zeit so viele Informationen wie möglich nach Frankenberg zu holen. Ich hortete Wissen, um davon zu leben. Das Ladenlokal herum verschwamm in dünnen Wasserfarben. Ich war dort und dachte woanders.

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Und dann kam der Tag nach meinem Abitur, als ich begriff, dass ich im Internet zu Hause bin. Ich war nach München eingeladen worden zum Aufnahmetest an der Deutschen Journalistenschule. Man sagte mir am Telefon, dass es hilfreich sei, für den Wissenstest den aktuellen Jahrgang der Spiegel-Ausgaben durchzuarbeiten. Gab es in Frankenberg nicht. Außerdem sollte man regelmäßig die Tagesschau sehen und Zeitung lesen. Klappte kaum, weil die Bundeswehr sich dazu entschloss, mich in den entscheidenden Wochen für einen Auslandseinsatz im Kosovo auszubilden. Ich konkurrierte mit hohen Offizieren um die beiden einzigen Exemplare der Welt, die täglich in einer kleinen Kantine auf dem Truppenübungsplatz verkauft wurden. Meist kam ich zu spät, weil ich damals schon gern und möglichst lange schlief. Also fing ich an, in jeder freien Minute Internetseiten zu lesen. Was ich zwischen Geiseltraining und Schießübungen verpasste, arbeitete ich später online nach. Ich las über die rot-grüne Innenpolitik, wann immer ich konnte. Wann immer ich wollte. Studierte den Spendenskandal der CDU vom Bildschirm aus. Wenn mir danach der Sinn stand. Texte, die mir besonders wichtig waren, speicherte ich in meinem Mailfach ab. So konnte ich sie auch im Internetcafé in der Fußgängerzone abrufen oder auch in Marburg oder in Frankfurt. Ich reiste nun nicht mehr ins Internet, um Informationen zu besorgen, mein Wissen war im Internet. Ein Teil meines Gedächtnisses war im Netz zu Hause.

Der Auslandseinsatz blieb mir übrigens erspart.

Beim Aufnahmetest in München versuchten die anderen Bewerber, sich gegenseitig zu verunsichern: Was sie auswendig gelernt hätten, worauf man achten müsste. Ich scherte mich nicht darum. Auch meine Testreportage schmuggelte ich per Mail in mein neues Zuhause. Ich habe sie heute noch. Sie ist Teil meiner digitalen Biografie.

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Ich war Netzbürger geworden, ohne es zu ahnen. Meine neue Heimat war ein Ort, der wenige Quadratmillimeter auf den Festplatten der Server maß, in Gedanken aber unendlich groß war.

(…)

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Ein Bekannter brachte mich schließlich auf die Idee mit dem Brief an die NSA. Wenn ich schon nicht verhindern konnte, dass ich überwacht werde, so wollte ich wenigstens wissen, was die amerikanischen Geheimdienste in den vergangenen Jahren über mich gesammelt hatten. Ob es eine Akte über mich gibt, und wenn ja, warum mir hinterherspioniert wird. Allein der Gedanke schien mir schon paradox: Denn mit der Justiz und hatte ich zuvor nur einmal in meinem Leben zu tun. Auf der Ostwestfalenstraße nahe Lemgo war ich als Fahranfänger elf Stundenkilometer zu schnell gefahren und bekam einen Strafzettel über vierzig Mark. Ich bezahlte fristgerecht.

Der „Freedom of Information Act“, von US-Präsident Lyndon B. Johnson im Jahr 1966 unterzeichnet, gibt auch ausländischen Staatsbürgern die Möglichkeit, Informationen von amerikanischen Sicherheitsorganen abzufragen. Im Netz fand ich die Seite getmyfbifile.com, auf der es Standardvordrucke für die verschiedenen Geheimdienste gibt. Ich tippte meinen Namen und meine Adresse in das Formular, gab an, dass ich bis zu dreißig Dollar für den Ausdruck der Unterlagen bezahlen würde. Dann druckte ich die Schreiben aus, faltete sie in Briefumschläge und gab sie beim Postamt ab.

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Der Autor

Sebastian Christ wurde 1981 in Frankenberg (Nordhessen) geboren und hat an der Freien Universität Berlin den Masterstudiengang Zukunftsforschung absolviert. Seine journalistische Laufbahn begann mit einem Journalistik-Studium in München, verbunden mit einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Erste Reisen nach Osteuropa und in den Orient folgten. Während eines Auslandssemesters in Washington D.C. entdeckte er seine Leidenschaft für den literarischen Journalismus. Ab 2008 arbeitete er zwei Jahre als Parlamentsredakteur für stern.de. Seine jüngsten Recherchereisen führten ihn unter anderem nach Äthiopien, in die Mongolei und in die Ukraine. Er veröffentlichte zuletzt als Ko-Autor Meine falschen Brüder über einen IS-Aussteiger. Bei mikrotext erschienen bisher Mein Brief an die NSA, die Radelprosa Berliner Asphalt und die Ukraine-Reportage Ich bin privat hier. Für seine Arbeit erhielt er 2005 und 2009 den Axel-Springer-Preis für junge Journalisten. Derzeit arbeitet er als politischer Autor für die Huffpost Deutschland.