Der Horrorpilz

Eine unbefriedigte Geschichte

Ein kleiner Ladenbesitzer steht vor dem Ruin, weil sich eine unbekannte Macht in sein Leben einmischt. Der Staatsschutz? Seine Ex? Oder sein toter Onkel? Ein spannender und teils-erotischer Horrortrip fürs Gruseln am Display.

2,49€ E-Book
ca. 120 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-08-6

Oktober 2013

Eine feinsinnige Hommage an die Lovecraft’schen Übermonster – mit einem besonderen Twist.
Jan Fischer, globe m

A story somewhere between fun and horror with a very imaginative plot.
Katy Derbyshire, lovegermanbooks

Der Horrorpilz ist eine Genre-Erzählung, die von einer ziemlich großen, ironischen Geste geprägt ist.
Bert Rebhandl, der Standard

Sarah Khan überschreitet die Grenzen des guten Geschmacks deutlich und treibt die Sache so weit auf die Spitze, dass man trotz allen Horrors und Ekels auch immer wieder unweigerlich lachen muss. So gerät die Horror-Kurzgeschichte, deren überraschendes Ende einige sehr gute SciFi-Elemente besitzt, gleichzeitig zur Horrorsatire.
Kerstin Scheuer, Blog

Inhalt: Horrorpilz

Victor Gips erbt den verstaubten Buchladen eines verschollenen Onkels. Aber das Geschäft entgleitet ihm: Der Staatsschutz schnüffelt herum und seine einzige Stammkundin macht sich über ihn lustig. Sein Liebesleben könnte neue Impulse vertragen, aber seine Exfreundin, die Biochemikerin Yvonne, testet chemische Sexpeitschen und Gleitcremes an ihm aus und lässt ihn anschließend lange Fragebögen ausfüllen. Als er seinen Laden wegen angeblichen Rattenbefalls schließen muss, entdeckt er, dass Schimmel, Fäulnis und orangefarbene Cremes nur die Vorboten einer weltumspannenden Transformation sind. Ein Horrorpilz verspricht den Menschen neue Lebensräume – wenn sie nur tot sind. Eine finstere Novelle über Schimmelsporen, unbefriedigte Restgefühle und den Verlust von Autonomie, mit einem garstigen Showdown.

Sarah Khan erzählt unerbittlich-atemlos, süffisant-komisch von einem Mann, der alles verliert, bevor er ein anderes Leben findet. Horrormystery at its best.

(…)

Wenn sich eine bestimmte Art von Ware in meinem kleinen Laden gut verkaufte, dann die Spezialtitel aus dem Konvolut meines verstorbenen Onkels: Obskura, Faksimiles, Traktate und Kleindrucke vergangener Epochen und Geisteshaltungen. Diese Werke handelten von den Erkenntnissen der Physik und Biologie des 18. und 19. Jahrhunderts, von medizinischen Experimenten, von Sagen und Überlieferungen, vom Planetensystem, der Chemie und Naturphilosophie, ein wenig Erotica mag auch dabei gewesen sein.

Manchmal hatte ich den Eindruck, die verschrobensten Leute kamen zu mir und flüsterten mir husch-husch, als wären diese Bücher gefährliche Verbrecher, ihre Titelwünsche zu. Dann verschwanden sie schnell, Männer wie Frauen, ohne Namen oder Telefonnummern zu hinterlassen, ohne etwas anzufassen, und unabhängig von der Jahreszeit trugen sie Handschuhe. Ich brauchte zwei oder drei Tage, manchmal länger, bis ich das Buch in den chaotisch eingeräumten Regalen der hinteren Geschäftsräume fand. Dieser Bereich war für den Publikumsverkehr gesperrt und von meterhoch stehenden, müffelnden Kartons, Leitern und Möbeln verstellt.

Onkel Ludwig hatte mich kurz vor seinem Tod kontaktiert und schwor mich auf diese Klientel ein; auf sein unsystematisches Ablagesystem bereitete er mich nicht vor. Auch gab er mir eine Liste, die dabei half, den Preis zu taxieren. Damit beschäftigte ich mich nicht lange. Sah ich irgendwo einen Preis notiert, schlug ich die Hälfte drauf. Die Klientel beschwerte sich nie und versuchte auch nicht zu handeln. Dann hätten sie mehr als zwei Worte mit mir sprechen müssen.

Als sein Ende nahte, Onkel Ludwig lag im Bett und neben sich eine volle Urinflasche mit reichlich Blut darin, drehte er das Radio auf seinem Nachttisch auf laut, winkte mich an sich heran und sprach mir direkt ins Ohr. Es sei nicht von Vorteil, flüsterte er, diese Art von Kundschaft nach einer Adresse oder Nummer zu bitten. Er empfahl keinerlei Buchführung darüber anzulegen. Es sei weiterhin unvorteilhaft, das Gespräch mit ihnen zu suchen.

Das war das Schwierigste für mich, diese Leute nicht ansprechen zu dürfen, keine Regung zu zeigen. Ich las zwar nicht gerne, als Legastheniker verband ich zu viel Verunsicherung mit der Welt der Buchstaben, aber ich ließ mir gerne erzählen, was andere in Büchern sahen. Es gibt nichts Ordinäreres als eine Kassiererin, die die Zahncreme oder die Zeitschrift kommentiert, sobald man sie auf das Kassenband gelegt hat. Aber einem Buchhändler, wenn auch einem angelernten wie mir, das Gespräch über obskure und seltene Bücher zu verwehren, war von einiger Grausamkeit. Onkel Ludwigs letzter Rat bekam einen furchteinflößenden Charakter, als er mir sagte: „Wenn du dich nicht daran hältst, Victor Gips, dann geht alles zugrunde, und du hast keine Vorstellung davon, wie schlimm es mit dir ausgeht.“ Ich hielt mich daran. Nahm das Bargeld und führte keine schlauen Gespräche mit diesen seltsamen Leuten.

Die Verhöre begannen wenige Tage später. Drei Männer zwischen dreißig und vierzig, die die gleichen hellen Hemden und Anzugjacken trugen, betraten den Laden, zeigten mir ihre Dienstausweise: Staatsschutz.

Sie befragten mich zu meinem Tagesablauf. Wann stehen Sie auf? Welches Frühstück nehmen Sie ein? Welche Morgenlektüre bevorzugen Sie? Wann gehen Sie aus dem Haus? Wohin gehen Sie? Welchen Menschen begegnen Sie dabei? Haben Sie auffällige Kunden? Haben Sie Bücher verkauft, die mit potenziell terroristischen Vorhaben in Zusammenhang stehen könnten?

Nachdem sie mir etwa ein dutzend Fragen gestellt hatten, begannen sie damit, die Fragen noch einmal zu stellen. Ich antwortete mit Lachreiz in der Stimme. Ab der dritten oder vierten Runde unterliefen mir Abwandlungen, Ermüdungen, Auslassungen. Trank ich den Kaffee schwarz oder mit Milch? Öffnete den Laden gegen elf oder um elf?

Irgendwann versuchte ich zu provozieren, die Monotonie des Ablaufs zu brechen. Ich trank Tee mit Zitrone und aß Wurstbrot und öffnete nach Tageslaune und Wetterlage den verdammten Laden. Ja, bei mir sind terroristische Lektüren bestellt worden. „Was sind terroristische Lektüren? Dantons Tod?“ Die Herren gingen nicht auf Sarkasmen ein, aber ich glaube, diese Attacken gaben meiner Rolle „eigenbrödlerischer Buchhändler“ eine Glaubwürdigkeit, die ich vorher nie gespürt hatte.

War ich nun doch ein echter Buchhändler oder bloß der Blender und ewige Underachiever, der schon bald das Fürchten lernen sollte? Einem der Herren knurrte der Magen. Sie sind Tiere, dachte ich, aber ich bin nicht das Tierchen, sie suchen jemand anderes. Der Gedanke beruhigte mich. Von meinen Kunden wirkte keiner verdächtig auf mich, sicher waren einige seltsam, introvertiert und maulfaul – aber gefährlich?

In den folgenden Tagen sah ich die Staatsschützer auf der Straße stehen, sie zeigten Präsenz. Manchmal kam einer von ihnen, er hieß Dominik, in den Laden, um sich vor Regen zu schützen, sein Telefon aufzuladen oder einen Kunden zu belauern. Eines Mittags kam er mit zwei dampfenden, halben Hähnchen durch die Tür und fragte, ob ich nicht eines haben wollte.

Dieser extreme Geruch von frisch gegrilltem Hähnchen war völlig deplatziert in einem Buchladen. Ich glaube, das gab den Ausschlag. Wir setzten uns auf zwei Hocker und als Unterlage dienten Verlagsvorschauen. Wir aßen genüsslich, mit Haut und Knorpel, und leckten uns die Finger. Erst gab er mir Erfrischungstücher zum Abwischen der Hände, dann bot er mir das „Du“ an. Er fasste mich freundschaftlich an der Schulter, das wird er bei einer Schulung gelernt haben, ungelenk und mechanisch. „Unser Land hat mit biochemischen Angriffen auf Sicherheitszentren, Behörden, Bibliotheken und Archive zu kämpfen. Diese Angriffe kommen nicht aus dem Ausland. Wir suchen die Nadel im Heuhaufen, und wenn du mich fragst, du riechst ein bisschen nach Heu.“

„Das ist verrückt. Wer bin ich schon?“

„Du bist auf den ersten Blick nichts Besonderes. Aber irgendwie steckst du mit drin, auch wenn du nicht ahnst, wie genau.“

(…)

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Die Autorin

Sarah Khan, geboren 1971, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Sie wuchs zwischen dem evangelischen Pastorat ihres Großvaters und dem Haushalt ihres Vaters, einem Teppichhändler aus Pakistan, in Hamburg auf. Sie studierte Volkskunde und Germanistik und veröffentlichte zwischen 1999 und 2004 drei Romane Gogo-Girl (1999), Dein Film (2001), Eine romantische Maßnahme (2004). Bei Suhrkamp erschien 2009 ein Band zeitgenössischer Spukgeschichten aus Berlin Die Gespenster von Berlin. Unheimliche Geschichten (erweiterte Neuauflage im Herbst 2013), 2017 die Ebay-Geschichten Das Stammeln der Wahrsagerin. Sarah Khan publiziert regelmäßig Reportagen und Essays in Tageszeitungen und Magazinen. 2012 erhielt Sarah Khan den erstmals gestifteten Michael-Althen-Preis für Kritik der FAZ. Im März 2013 erschien bei diaphanes in der Reihe booklet ihr Essay über die Fernsehserie Dr. House. Mehr auf der Webseite von Sarah Khan.