Ich will nicht schockieren. Ich will genau sein

Im Gespräch mit Christiane Meyer-Thoss

In dem langen Interview, dass Christiane Meyer-Thoss mit Louise Bourgeois 1986 und 1989 in New York geführt hat, gibt die Künstlerin persönliche Einblicke in ihr Schaffen: in die „Rohheit der Emotionen“, den Widerstand des Materials, die Kraft der Verführung und die Kraft des Rückzugs.

Auch auf Englisch erhältlich.
4,99€ E-Book
ca. 80 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-89-5

15. Januar 2020

Inhalt: Interview Louise Bourgeois

Die Bildhauerin Louise Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren und studierte dort Malerei, unter anderem bei Ferdinand Légér. Als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts lebte und arbeitete sie seit ihrer Emigration im Jahr 1938 in New York. Ihr umfangreiches und herausforderndes Werk, welches neben ungezählten Zeichnungen auch einige Gemälde mit einschließt, erfährt heute, nachdem es über Jahrzehnte in Abgeschiedenheit entstand, weltweit Anerkennung.

Christiane Meyer-Thoss
Viele bewundern das Schockierende an Ihrem Werk und in Ihren Äußerungen. Ihre Art, Erinnerungen preiszugeben, der bekenntnishafte Ton und die Direktheit, ist Ihnen das nicht manchmal peinlich?

Louise Bourgeois
Ich will nicht schockieren, ich will genau sein.

CM
Vielleicht liegt es daran, daß Ihr Werk eine Aufmerksamkeit für Dinge offenbart, über die man gewöhnlich nicht spricht.

LB
Der Künstler verfügt über eine Gabe. Dieses Wort stellt sich immer wieder ein. Es ist die Gabe, mit dem eigenen Unbewußten im Einklang zu stehen und ihm zu vertrauen, die Fähigkeit, das Bewußte unmittelbar kurzzuschließen und einen direkten Zugang zu den tieferen Wahrnehmungen des Unbewußten herzustellen. Das ist eine Gabe, denn eine solche Bewußtheit hilft, sich selbst zu erkennen, vor allem die eigenen Grenzen. Sie entsteht aus der Unfähigkeit, Ängste zu überwinden.

Von Ängsten verstehe ich etwas. Als zum Beispiel Sie hereinkamen, habe ich gesagt, ich wäre furchtbar angespannt. Das lag daran, daß ich mir keine Vorstellung davon machen konnte, wer Sie sind, und in solch einem Fall bekomme ich … [Geräusch von Zähneklappern]. Sie wissen schon, dieser Rhythmus. Dann wurde mir klar — ich weiß nicht, wieso, das muß ich auch nicht wissen—, daß ich Ihnen gegenüber nicht verspannt zu sein brauche, daß ich mich beruhigen kann. Vielleicht war die anfängliche Spannung ein Ausdruck von Angst. Ich habe die Angst, daß Menschen sich auf mich stürzen — daß sie kommen, um mich aufzufressen; daß sie von mir mehr verlangen, als ich geben kann. Es erschreckt mich, wenn man etwas von mir will. Ich sorgte mich, ob eine wirkliche Verständigung zwischen uns möglich würde oder ob Sie sich vor mir fürchten. Ich habe Angst, daß Menschen sich vor mir fürchten, und wenn ich dies bei jemand anderem oder bei mir entdecke, nehme ich die Schuld auf mich, übernehme ich die Verantwortung. Was zuerst kommt, die Introjektion der Angst des anderen oder die Projektion meiner eigenen, weiß ich nicht. Aber ich übernehme die Verantwortung. Und das habe ich satt! Es ist lächerlich.

Ein Beispiel: Ein Kind hat Angst vor einem Hund. Man muß schon sehr aufmerksam sein, um deutlich zu erkennen, daß der Hund einen beißt, weil man sich vor ihm fürchtet. Es ist für das erschrockene Kind schwierig, die Angst des Hundes wahrzunehmen, aber wenn es den Hund liebt, streckt es die Hand aus und hebt alle Ängste auf. Menschen, die sich fürchten, verströmen einen Geruch. Denken Sie an einen Skunk. Um jedoch hinter dem Knurren die Angst des Hundes wahrzunehmen, muß man sich selbst gut kennen. Vielleicht ist das keine Gabe, bestimmt aber eine Notwendigkeit. Denn wenn der Hund die Angst riecht, wird er beißen. Um das zu vermeiden, nimmt man die Furcht auf sich und vergegenwärtigt sich, daß die unbewußte Angst der Grund ist, weshalb der Hund beißt. Von einem Kind kann man dies natürlich nicht erwarten. Die Furcht auf sich zu nehmen ist Zeichen und sogar Beweis für Erwachsensein. Darüber hinaus verfügt der Erwachsene über die Fähigkeit zu Mitgefühl. Dies ist zwar schwer zu erlangen und schwer zu bewahren, doch durchbricht es den Kreislauf, daß man immer wieder die Schuld auf sich nimmt. End of Softness — das Ende der Nachgiebigkeit — handelt davon, daß man jede Toleranz hinter sich läßt, erzählt davon, wie die Landschaft verschwindet.

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Die Autorin

Christiane Meyer-Thoss, 1956 geboren, lebt als Autorin, Dozentin und Verlagslektorin in Frankfurt am Main. Seit 1981 verfasste sie zahlreiche Berichte zur zeitgenössischen Kunst und Literatur, insbesondere zu Meret Oppenheim. Bei Ink Press erschien 2016 der Band Louise Bourgeois. Konstruktionen für den freien Fall, dem dieses Interview entnommen ist.