Ungesichertes Gelände

Liebesnovelle in Briefen

Liebesbriefe, heute: Die Autorin und Übersetzerin Isabel Fargo Cole nimmt sich des traditionellen Genres der Briefnovelle an und verlegt es in einen Überwachungsstaat im 21. Jahrhundert. Und die Gefühle sind kämpferisch.

Buch erschienen im März 2018, lieferbar
4,99€ E-Book
ca. 250 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-11-6

9,99€ Taschenbuch
84 Seiten
ISBN 978-3-944543-65-9

Dezember 2013

„Es ist ein leiser, konzentrierter Ton – einer, der sich nicht im mindesten darum kümmert, was als Sprache gängig und erlaubt ist. Es ist eine verletzbare, und in der Folge eine mutige und starke Stimme.“
André Spiegel

„Dunkel und winterlich und herzzerreißend und wohl das Intelligenteste und gleichzeitig Schönste und Radikalste, was ich seit längerer Zeit gelesen habe.“
– Katy Derbyshire, lovegermanbooks

„Inhaltlich und formal clever, eine Novelle in Briefen.“
– Lucy Renner Jones, Transfiction.eu

Inhalt: Liebesbriefe

Sie sehen sich jede Woche beim Aktivistentreffen in einer Kneipe. Sie engagiert sich in einer Friedensbewegung, verfasst massenhaft Kommentare in Mailinglisten, recherchiert zu russischer Literatur und entwickelt peu à peu eine Paranoia. Er sitzt scheinbar teilnahmslos am Tresen, beobachtet sie, fordert sie heraus, ohne verbindlich zu werden. Eine klassische Patt-Situation, eine Affäre mit offenem Ausgang – bis die Wirklichkeit brutal zuschlägt.

Isabel Fargo Cole stellt in ihrer eindringlichen Briefnovelle grundsätzliche Fragen nach Handlungsfreiheit und persönlicher Integrität und analysiert die menschlichen Mechanismen der Ausspähung.

Wir empfehlen auch den Essay über digitale Überwachungssyteme von Sebastian Christ Mein Brief an die NSA. Auf der Suche nach meinen Daten.

31. Januar 20..

Lieber A.,
ich werde dir schreiben müssen. Mir fällt keine andere Lösung ein. Es ist nicht auszuhalten – das dritte Mal schon blieb ich am anderen Ende des Tresens hocken, zwischen dir und mir zwanzig Köpfe, vierzig Hände, der kleine Bildschirm, den Frauke mir entgegenhält, dessen Licht in der schummrigen Kneipe unerbittlich den Blick anzieht, blendend, so dass ein Phantombildschirm bleibt, wenn man wegschaut, ein Rauchquadrat schwebt vor deinem Gesicht. Du wartest ahnungslos, geduldig, du könntest ewig dort ausharren. Irgendwann, sagt dein Blick im langen Spiegel zwischen Wermutflaschen, werden wir die letzten sein. Ich kann nicht so lange warten. Ich habe zu tun. Ich habe ganz schön zu tun mit meinem Krieg.
Hättest du meine Telefonnummer, würdest du anrufen, ich würde nicht da sein. Es zieht mich aus dem Haus, die Lauheit, die Milde berauscht mich, wie nach langer Krankheit, das ist der Moment, in dem man sich übernimmt.
Heute habe ich, anstatt zu heizen, die Fenster aufgerissen. Das ist immer ein besonderer Tag, wenn man die Öfen wieder schlafen lässt. Der Schlaf der Öfen füllt die Wohnung, es ist, als wäre jemand gestorben. Man ist ganz auf sich gestellt, muss darauf vertrauen, dass die Wärme von draußen kommt. Ich habe mich gesträubt. Ich wollte noch mein Feuer hegen, wollte sagen können: Setz dich zu mir an den Ofen.

Die Vorliebe fürs Heizen habe ich von meinem Exfreund Hannes. Wenn es hart auf hart kommt, sagte er, der Radikale, wenn sämtliche Computer abstürzen, weil alles hier im Kapitalismus auf fatale Weise vernetzt ist, von den großen Konzernen abhängt, von ihren Machenschaften, weil alles nur abstürzen kann – wenn es so weit kommt, fällt auch die ferngesteuerte Heizung aus, und nur er und die wenigen anderen, die es begriffen haben, haben es dann noch warm in der Bude. An dieser Vorstellung habe ich keine Freude. Höchstens, dass ich mich, wenn es hart auf hart kommt, nicht bei ihm aufwärmen müsste. Wo auch immer er sein mag. Wir haben uns am Anfang des Krieges getrennt. Wie lange ist das nun her?
Er hat auf die Katastrophe hingelebt. Ich nicht. Das Leben mit ihm hätte mich darauf vorbereiten müssen. Hat es nicht. Ich hatte wirkliche Angst, als der Krieg ausbrach, und in diesem Moment war Hannes für mich nur noch abartig und lächerlich. Er war so dermaßen politisch, so abgeklärt, dass er nicht mit auf die Straße ging. Sollen sie sich gegenseitig in die Luft jagen, sagte er, ich hab’s schon immer kommen sehen. Ich konnte mit ihm nichts mehr anfangen. Er warf mir noch Undankbarkeit vor.
Heute früh habe ich im Hinterhof die Hängematte aufgehängt. Denn wir wissen nicht, wie der Sommer wird. Wir müssen jeden Augenblick nutzen. Wir sind so unentschlossen, wir kommen zu nichts. Gerade jetzt. Als hätten wir unendlich viel Zeit. Nein – wer das glaubt, handelt ganz ohne nachzudenken. Morgen kommt Frauke, wir werden den ganzen Tag am Rechner sitzen. Ich weiß nicht, ob man das als Handeln bezeichnen kann. Oder dieses Streunen durch die Stadt.
Hätte ich ein Handy, hättest du ein Handy, könnte ich von unterwegs anrufen, wenn ich meine Kreise ziehe. Wäre nicht diese Angst vorm Telefonieren. Ich könnte anrufen und sagen: Ich gehe jetzt aus dem Haus, ich sitze in der S-Bahn, ich steige „Yorckstraße“ aus, ich gehe unter zwölf eisernen Brücken hindurch.
So komme ich nun doch noch dazu.

B.

1. Februar 20..

Lieber A.,
Briefe schreiben, das erste Mal seit Jahren wieder. Das hat gleich etwas Vertrautes; ich erkenne meine Handschrift. Aber Briefe lesen? Vielleicht ist das befremdlich: sich so gemeint zu fühlen. Lieber A. zu lesen, in einer Schrift, die an sich etwas verrät, etwas, was ich zumindest zu entziffern verlernt habe, was kryptisch ist und dennoch zu viel, zu intim. Schon meine Handschrift muss Verdacht erregen, meine unlauteren Absichten verraten. Ich verlasse mich darauf, dass niemand diese Briefe findet. Oder ich lasse es darauf ankommen. Es liegt an dir, sie zu verstecken oder zu vernichten, und somit bist du gleich Komplize. Das tut mir leid.
Du hast mir doch selbst deine Visitenkarte gegeben, gleich am Anfang, warum eigentlich? Wohl um zu beweisen, dass du einen Beruf hast, wenn auch keine Arbeit. Mir, mit meiner ewigen Geschäftigkeit. So trotzig sahst du dabei aus: als sei dieses zerknitterte Kärtchen du.
Und als wüsstest du: Anrufen werde ich nie. Als wüsstest du von meiner Angst vorm Telefonieren. Nicht die heutige, übliche. Nein, ich meine noch meine Kindheitsangst, ob ich anrufen darf, selbst bei einer Freundin, wo ich doch nicht weiß, was sie gerade tut, ob ich störe, wo ich ihr Gesicht nicht sehe, um zu wissen, was sie wirklich denkt, was ich zu sagen habe, wo ich nicht einmal weiß, ob ich sie erreiche, mich nicht verwähle, bei einem ganz und gar gesichtslosen Fremden lande. Ich habe lange gebraucht, um diese Scheu zu überwinden. Und noch einmal so lange, als die Telefone mobil wurden, und ich nicht wissen konnte, wo mein Gesprächspartner gerade ist, wer ihm in der U-Bahn gegenübersitzt, auf der Straße an ihm vorbeiläuft, meine Stimme aufschnappt, ob sie ganz anders klingt, ganz missverständlich, ob sie gegen die Außenwelt überhaupt ankommt, ob man überhaupt zuhören will, wenn man unterwegs ist, auf der Straße, in Gedanken vertieft. Ich wollte nie zuhören, immer erschrak ich, ertappt, wandte mich ab, wenn es klingelte, ins Gebüsch, in Hauseingänge, meine Stimme wurde unverständlich, die Stimme aus dem Hörer viel zu laut und deutlich.

(…)

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Die Autorin

Isabel Fargo Cole wurde 1973 in Galena, Illinois, USA geboren und lebt seit 1995 als freiberufliche Autorin und Übersetzerin in Berlin. Seit 2006 schreibt sie hauptsächlich auf Deutsch; ihre Kurzprosa ist in verschiedenen Zeitschriften erschienen. Sie hat u. a. Bücher von Friedrich Dürrenmatt, Franz Fühmann, Annemarie Schwarzenbach und Hermann Ungar übersetzt und arbeitet zur Zeit an Wolfgang Hilbigs „Ich“. Außerdem war sie Mitbegründerin und Redakteurin von www.no-mans-land.org, der Online-Zeitschrift für deutsche Literatur auf Englisch. 2013 war sie eine der InitiatorInnen der globalen Kampagne „Writers Against Mass Surveillance“. 2017 erschien ihr Roman Die grüne Grenze bei der Edition Nautilus.