Saisonarbeit

Herausgegeben von Jörn Dege und Mathias Zeiske, Reihe Volte bei Spector Books

Saisonkraft in der Vorweihnachtszeit bei Amazon. Im Warenlager im Leipziger Randbezirk. Ausgerechnet. Für die Autorin und Übersetzerin Heike Geißler in Geldnot ist es ein Moment der Misere, für alle anderen ein literarischer Glücksfall.

9,99€ E-Book
ca. 500 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-18-5

5. Dezember 2014

„Mit ihrem Text Saisonarbeit, einem radikal subjektiven und doch hoch politischen Erfahrungsbericht über ihre Zeit bei Amazon, hat die Leipziger Autorin Heike Geißler womöglich das Buch der Stunde geschrieben.“
Nils Kahlefendt, Börsenblatt

„Dieses Buch hat Kraft, es packt den Leser, denn es ist engagiert geschrieben, so engagiert wie lange keines mehr.“
Philipp Holstein, Rheinische Post

„Ein wichtiges Buch – und ein im Innersten schönes.“
Janina Fleischer, Leipziger Volkszeitung

„Brillante Studie über einen Megakonzern.“
Jan Drees, Der Freitag

„Eine Handlung, ein Beweis für Lebendigkeit ist Geisslers brillanter Text selbst.“
Dorothee Elmiger, Die Wochenzeitung

„Ein tiefsinniges Buch über die Haltung unserer Gesellschaft zu Konsum und Arbeit.“
Süddeutsche Zeitung Magazin

„Ein Reportage-Essay-Roman, der es sich nicht so leicht macht, aus gesicherter Haltung heraus gegen Feindbilder anzuschreiben.“
Alexander Gumz, Zeit Online

Inhalt: Saisonarbeit

Was Heike Geißler in den Wochen vor Weihnachten erlebt und aufschreibt, ist vieles zugleich: ein Erfahrungsbericht, der ebenso persönlich wie politisch ist. Kritik an den Verhältnissen mit den Mitteln der Selbstironie. Der Blick in eine Halle, die von der Außenwelt abgeschottet ist und gerade deshalb viel über sie verrät.

In „Saisonarbeit“ geht es um Empfindlichkeit und das Politische des Empfindlichen. Es geht um das Buch als Fluchtort in einem Warenlager, in dem der Unterschied zwischen Buch und Badeente keine Rolle spielt. Und es geht um die Arbeit bei Amazon und darum, dass „mit dieser Arbeit und vielen Sorten Arbeit grundsätzlich etwas faul ist“.

Seit dem Frühjahr 2014 entsteht bei Spector Books eine Reihe für neue Literatur mit Formbewusstsein, Haltung, Witz: Volte. Herausgeber sind Jörn Dege und Mathias Zeiske, die Redakteure der Leipziger Literaturzeitschrift Edit. Bei mikrotext erscheinen in lockerem Rhythmus die Digitalausgaben der Edition Volte.

(…)

Ihr Vorstellungstermin heißt nicht Vorstellungsgespräch, weshalb Sie sich keine Worte zurechtlegen und auch nicht besonders gekleidet sind. Sie tragen Jeans und Pulli, es geht um keine Karriere. Sie gehen aus dem Haus, eventuell sind Sie aufgeregt, denn Sie wollen den Job, Sie haben nun einmal kein Geld und lehnen es aus gewissen Gründen, die ich noch erklären werde, ab, Hartz IV, Wohngeld oder dergleichen zu beziehen. Sie bekommen Kindergeld für zwei Kinder, Sie bekommen auch Rechnungen bezahlt, aber leider werden Ihre Rechnungen meistens nicht pünktlich bezahlt. Es kommt erschwerend hinzu, dass Sie auch nicht gut darin sind, Rechnungen zu schreiben; Sie schieben das immer auf die lange Bank. Die Bank ist lang wie der längste Lebkuchen der Welt, also einen Kilometer. Auch schreiben Sie nie Mahnungen. Sie denken, dann gibt man Ihnen keinen Auftrag mehr. Sie sind jetzt, falls Sie es nicht eh schon sind, ein Seelchen. Sie sind, das haben Sie auch schriftlich, sehr empfindlich, aber machen Sie sich nichts daraus, die Empfindlichkeit sollte man Ihnen nicht vorwerfen, Sie dürfen Ihre Empfindlichkeit von nun an als ein Potenzial verstehen. In Ihrer Verletzbarkeit liegen etliche Möglichkeiten verborgen. Wie gesagt: Sie sind empfindlich und werden es bleiben – und auch darauf kommen wir zurück.

Eventuell kommt Ihnen allein diese Fahrt zu Amazon, von der Sie noch nicht wissen, ob sie von Erfolg, also von einem befristeten Arbeitsvertrag, gekrönt sein wird, wie der Beginn oder Beleg eines sozialen Abstiegs vor. Sie werden immer wieder versuchen, es anders zu sehen, aber schon der Anfang zwingt Sie in die Knie und eine Schicht tiefer und so wird es bleiben. Ja, Sie werden Schichten sehen, falls Sie das nicht vorher schon taten. Sie werden die Schichten dermaßen deutlich vor sich sehen wie Geologen den Aufbau des Bodens, aus dem sie eine tiefe Grube aushoben. Wenn Sie genau überlegen, kommen Sie manchmal zu dem Schluss, dass der soziale Abstieg nur etwas behelfsmäßig das bezeichnet, was eher ein sich verfestigt habender Mangel an Möglichkeiten und Weitsicht ist. Es wird also so sein: Sie bekommen diesen Job und freuen sich, und dann werden Sie müde sein, werden jeden Tag Ihre Augen kaum noch offen halten können, Ihnen wird die Kraft für alles Vergnügliche oder schlicht für alles fehlen und Sie werden sehr viel mehr über Ihr Leben und das Ihrer Eltern und all derer wissen, die Vorgesetzte haben. Sie haben ja normalerweise keinen Chef, keine Chefin. Sie werden bald etwas über das Leben wissen, das Sie vorher nicht wussten, und es wird nicht nur mit der Arbeit zu tun haben, son- dern auch damit, dass Sie älter werden, dass Ihnen jeden Morgen zwei Kinder hinterherweinen, Sie mögen doch nicht zu dieser Arbeit gehen, und damit, dass mit dieser Arbeit und vielen Sorten Arbeit grundsätzlich etwas faul ist.

Sie werden viel darüber nachdenken, was es mit der Arbeit auf sich hat, warum diese Arbeit niemandem zugemutet werden sollte. Sie werden Missverständnissen unterliegen und Dinge verwechseln und Ihre Empfindlichkeit wird sich vom erstbesten Tödlichen bearbeiten und herausfordern lassen, so dass Sie eine Weile brauchen werden, um herauszufinden, woran Sie wirklich leiden, und dass Ihr Leid keinesfalls ein spezielles ist, sondern ein frappierend allgemeines. Ja, Sie sind allgemein, ich will Sie allgemein betrachten und Ihnen Ihr Allgemeinstes vorstellen.

Aber das Spezielle kommt zuerst. Grundsätzlich ist es jedenfalls nahezu unmöglich, von dieser Arbeit, die Sie gleich haben werden, nicht in die Knie und in den Trotz gezwungen zu werden.

Sie fahren mit der Straßenbahnlinie 3 Richtung Sommerfeld, die Bahn füllt sich bis zum Hauptbahnhof, dort steigen die meisten aus, niemand steigt zu. Sie gehen davon aus, dass alle, die nun noch im Waggon sind, genauso wie Sie zu Amazon zum Testarbeiten fahren. Sie sehen auf Ihren Zettel: aussteigen Teslastraße / Heiterblick, dann Amazonstraße.

(…)

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Die Autorin

Heike Geißler, 1977 in Riesa geboren, ist Autorin, Übersetzerin und Mitherausgeberin der Heftreihe Lücken kann man lesen. Bisher erschienen: Der Roman Rosa (DVA, 2002), die Erzählung „Nichts, was tragisch wäre“ (ebd., 2007) sowie das Kinderbuch Emma und Pferd Beere (Lubok, 2009). 2014 erschien bei Spector Books das Buch Saisonarbeit in der Reihe Volte, als E-Book bei mikrotext erhältlich. Sie lebt in Leipzig. Hier geht es zu ihrer Webseite.