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Ein Essay in fünf Teilen

Das Netz hält mittlerweile alles umschlungen. Viele wollen da raus. Die junge Philosophin Birthe Mühlhoff untersucht in ihrem erzählerischen Essay fünf Aspekte des Netz-Skeptizismus und zeigt stilistisch gekonnt, was dem Netz entgeht – und was dem Skeptizismus.

0,99€ E-Book
ca. 50 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-58-1

18. Mai 2018

„Die Journalistin Birthe Mühlhoff legt in einem aparten kleinen Essay anhand persönlicher Erfahrungen dar, wie sich der Mensch heute als Gefangener einer neuen Art von Anstalt zu begreifen lernt und wie Ausbruchsphantasien seine Kreativität beflügeln.“
FAZ

Inhalt: Netz-Skeptizismus

Wie wird man seinen Namen los? Welche Aura haben Menschen ohne Social-Media-Profil? Wie bilden sich digitale Gruppen, marginale auch, was passiert in diesen Nischen? Ohne zu dozieren, aber mit nonchalantem Parlando erörtert Birthe Mühlhoff fünf Aspekte des Netz-Daseins.

Sie entwirft keine voraussetzungsreiche Theorie, sondern fängt persönliche Erfahrungen ein, die aber als die „vierte große Kränkung“, wie sie es nennt, als allgemeingültig verstanden werden können. Denn seit Darwin musste der Mensch immer weiter von seinem Glauben abrücken, dass er das Zentrum des Universums sei. Dass unsere Vorlieben und Kaufentscheidungen – auch dieses E-Books – immer besser von Algorithmen eingeschätzt werden können, bricht einen der letzten verbliebenen Zacken aus der Krone. Das Coming-ofAge unserer Zeit: Wir sind berechenbar und überhaupt nicht einzigartig.

Weitere Lektüren aus unserem Programm zu Internet und Gesellschaft: der Essay von Alexander Kluge Die Entsprechung einer Oase, die persönliche Reportage von Sebastian Christ Mein Brief an die NSA, die Liebesbriefnovelle von Isabel Fargo Cole Ungesichertes Gelände.

(…)

Ich habe das Gefühl, mit den Menschen, die nicht auf Facebook sind, könnte man bedenkenlos schlafen, weil niemand jemals davon erfahren wird. Vielleicht hat sogar noch nie jemand mit ihnen geschlafen. Vom Gefühl her ist an ihnen jedenfalls nichts sexuell Übertragbares. Es gibt keine gemeinsamen Freunde, es gibt sie vielleicht, aber sie wissen nichts davon. Unsere Gesprächssituation ist mit weicher Watte ausgekleidet. Es umgibt sie eine Aura der Ruhe, Verschwiegenheit, Einsamkeit: endloses Vertrauen. So kommt es, dass ich mich offenbaren will, euch von mir erzählen will, ohne Umwege ungefragt euer inneres Vakuum auffüllen: Das ist der Moment, in dem ich weiß, dass ich in meinen confessional mode hineingekommen bin, von dem es kein Zurück mehr gibt, nur noch umständliches rückwärtiges Ausparken aus dem Kopfbahnhof.

Confessional mode, das bedeutet, ich beichte euch was, meine Padres, zu euch will ich ganz ehrlich sein. Ich beichte euch Unzufriedenheiten, Einzelheiten, irrelevante Details aus meinem Leben, Unterlassungssünden. Weil ihr es niemandem weitererzählen könnt, interessiert es euch auch nicht wirklich. Ihr lebt in Häusern, die am Ende ungeteerter Straßen aus dem Nichts auftauchen, wenn Scheinwerferlicht sie streift, im Abseits, auf Hügeln, weit über der Stadt. Ob ihr überhaupt da seid, wenn ich mich nicht auf euch zubewege, frage ich mich, führt ihr überhaupt ein von meiner Existenz unabhängiges Leben?

Was macht ihr eigentlich den ganzen Tag! Ihr seid für mich Menschen ohne Profil, ohne eigene Pläne, Errungenschaften, ohne Geburtstag. Man muss einen Bus nehmen, der nur einmal die Stunde fährt, um zu euch zu kommen, durch ein halb angelehntes Gattertor einen steilen, mit großen Steinplatten belegten Pfad hinaufsteigen, man kommt immer ganz verschwitzt bei euch an.

(…)

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Die Autorin

Birthe Mühlhoff, geboren 1991, kommt aus Dinslaken. Sie hat in Hamburg und Paris Philosophie studiert. Sie schreibt und übersetzt unter anderem für Zeit Online, Merkur, Edit, die epilog. Sie bloggt auf https://rhizome.hfbk.net. Zuletzt gab sie mit Danilo Scholz und Svenja Bromberg den Band Euro Trash bei Merve heraus.