Die Stadt der Anderen

Mit Fotografien von Maria Sewcz

Welchen Einfluss hat die eigene Herkunft und Geschichte auf die Wahrnehmung der Welt, in der man lebt? Der Verein KOOK hat drei deutschsprachige und drei internationale Autoren und Autorinnen, die in Berlin leben, eingeladen, einander „ihr“ Berlin zu zeigen: Orte, Geschichten, andere Sichtweisen auf die Stadt und ihre Bewohner.

3,99€ E-Book
ca. 80 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-59-8

21. Dezember 2017

„Es ist ein besonderer Führer, ein Appell gegen die Blickverarmung und für die Entdeckung unbekannten Terrains.“
Berliner Zeitung

Inhalt: Berlin, die Stadt der Anderen

Jeder hat sein Bild von Berlin. Wie aber sehen die anderen die Stadt? Sehen sie dieselbe Stadt – oder eine völlig andere? Assaf Alassaf, Jane Flett, Lucy Fricke, Maren Kames, Tilman Rammstedt und Érica Zíngano verabredeten sich im Herbst 2017 jeweils zu zweit zu Spaziergängen durch Berlin. Begleitet hat sie die Fotografin Maria Sewcz mit ihrem eigenen künstlerischen Blick. Literatur und Fotografie trafen auf Stadt. Aus diesen individuellen Touren entwickelten die Autoren und Autorinnen Texte über eine Metropole im Wandel. Sie eröffnen einander neue Perspektiven, erzählen neue Geschichten und alte Geschichten neu – von der Besetzung der Volksbühne, einer Flüchtlingsunterkunft in Zehlendorf, von der Sonnenallee, der Cuvrybrache und dem Westberliner Zoo.

Eine Publikation von KOOK e.V. mit freundlicher Unterstützung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Die Originaltexte auf Arabisch, Englisch und Portugiesisch können Sie hier kostenlos herunterladen.

Weitere Berlin-Publikationen aus unserem Programm: der Roman Bluffen des österreichischen Autors Stefan Adrian, I love myself ok von Chloe Zeegen (gratis Download), Global & Beta über digitales Publizieren in Berlin (gratis Download), die Erinnerungen der Künstlerin Käthe Kruse an das West-Berlin der 1980er Lob des Imperfekts mit Hausbesetzungen, Konzerten und Avantgarde, die Radfahrergeschichten Berliner Asphalt des Journalisten Sebastian Christ.

[…]

Kurz vor den Straßenecken fällt mir immer auf, dass ich viel zu schnell bin. Für die letzten Meter verlangsame ich dann die Schritte und hoffe, dass es nicht auffällt. Wir dürfen uns schließlich keinesfalls beeilen. Wir sind hier schließlich nicht zum Spaß, wir gehen doch Spazieren, das hier ist ein erklärter Urlaubstag, wir wollen uns doch treiben lassen oder zumindest so tun, als ob wir uns treiben ließen, es ist doch ein Wetter wie bestellt, wenn wir daran gedacht hätten, Wetter zu bestellen, und wir haben doch kein Ziel, außer kein Ziel zu haben, und da dürfen wir keinesfalls zu früh ankommen.

Spazieren ist eine komplizierte Tätigkeit. Wenn man nur eine Sekunde lang nicht aufpasst, geht man doch wieder normal, eilt man dann doch wieder, schaut man sich doch nicht so um, wie man sich beim Spazieren umschauen muss, wahllos nämlich und aufmerksam nämlich. Man muss den Blick schweifen lassen, sonst gilt es nicht, aber auch das vergesse ich immer wieder, bis mich die Straßenecken daran erinnern. Denn an den Straßenecken muss man sich entschieden, immer ist da links oder rechts oder geradeaus, und heute ist da immer Neukölln, immer ist da Nachmittag, dieser langgezogene Nachmittag, und dann sagt Jane, weil sie diejenige ist, die sich heute auskennt: „Wollen wir da lang?“, und sie zeigt nach links oder rechts oder geradeaus, und ich sage: „Ja“, weil alles andere eine falsche Antwort wäre.

[…]

(aus: Das große Ganze von Tilman Rammstedt)

Auszug lesen

Die Autoren und die Fotografin

Assaf Alassaf wurde 1976 in Deir ez-Zor, Syrien geboren. Er studierte Zahnmedizin in Damaskus und arbeitet hauptberuflich als Zahnarzt und nebenbei auch als Journalist. Seit 2007 hat er zahlreiche Artikel in arabischen Tageszeitungen wie Al Hayat und Al Mustakbal veröffentlicht. Im Jahr 2013 zog er von Damaskus nach Nouakchott in Mauretanien, wo er als Zahnarzt arbeitete. Ab Anfang 2014 lebte er in Beirut und arbeitete in einem medizinischen Zentrum für syrische Flüchtlinge. Er ist verheiratet mit seiner Frau Nibal und hat zwei Töchter, Rita und Nay.
Auf Facebook schreibt er seit 2013 literarische Anekdoten über die Revolution und den Krieg in seiner Heimat, über seine Reise nach Mauretanien, sein Leben im Libanon und die Zahnarztpraxis. Die Posts und Geschichten über Abu Jürgen, den deutschen Botschafter entstanden in der Zeit zwischen November 2014 und Februar 2015 und erschienen als Buch und E-Book. Anfang Januar 2016 erhielt er ein Stipendium Das weiße Meer für einen Gastaufenthalt im Literarischen Colloquium Berlin, im Frühjahr 2016 ein Stipendium auf Schloss Solitude.

Jane Flett (* 1984, Schottland), ist Autorin und Musikerin. Ihre Texte erschienen in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften. Ausserdem ist sie Teil der Roit Grrl Band Razor Cunts.

Lucy Fricke (* 1974) ist Autorin und Literaturveranstalterin. Zuletzt veröffentlichte sie Takeshis Haut (2014, Rowohlt Verlag). 2018 erscheint ihr vierter Roman Töchter (Rowohlt Verlag).

Maren Kames (* 1984) ist Lyrikerin. Ihr vielbeachtetes Debüt Halb Taube Halb Pfau erschien 2016 im Secession Verlag.

Tilman Rammstedt (* 1975) ist Autor und Kolumnist. Zuletzt veröffentlichte er den Roman Morgen mehr (Hanser Verlag, 2016), dessen Entstehungsprozess zuvor als Fortsetzungsroman im Netz verfolgt werden konnte.

Erica Zíngano (* 1980, Brasilien) ist eine transdisziplinär arbeitende Lyrikerin. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt eine Sache für die andere (bulky news press, 2017).

Maria Sewcz (* 1960) ist eine vielfach ausgezeichnete Fotografin. Zahlreiche Einzelausstellungen, zuletzt mit Fotografien und Videos im Haus am Kleistpark (Jetzt, Berlin, 2016).