Stefan Adrian: Bluffen. Ein Roman

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Dieses Romandebüt erzählt die Geschichte eines Suchenden, der feststellt, wie ihm seine Ziele und die Zeit davonlaufen. Reflexiv im Ton, analytisch in den Beobachtungen, modern in den Metaphern. Über das Berlin der Nullerjahre.

Erschienen am 29. September 2014
ca. 650 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-17-8

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Inhalt

Er ist ein Experte für Abbrüche und Selbstsabotage: Der Erzähler in Stefan Adrians erstem Roman „Bluffen“ ist vom Land in die Großstadt gezogen, seine Wurzeln hinter sich lassend, durchwandert er als Barmann, Anzeigenverkäufer, Crossmarketing-Manager, Botenfahrer, Online-Journalist oder Blogger die Existenzmöglichkeiten der prekären Medienarbeiter zwischen Facebook und HartzIV. Er kündigt so oft wie er seine Freundinnen verlässt. Immer stärker verstrickt er sich in die Maskerade eines Doppellebens, plant schließlich eine Entführung, um seine Webseite bekannter zu machen … Ein umfassender Lagebericht aus einer europäischen Großstadt: vom Platzen der Dotcomblase über Nine Eleven bis zur Gentrifizierung.
Und so ist „Bluffen“ auch eine zeitgemäße sozio-geographische Studie über einen Werteverlust, das Ringen um Ideologien – und über das Scheitern am Hedonismus. Genaue, popmoderne Beobachtungen der Umgebung stehen neben hypermodernen Ich-Konzepten und der urbane, elegante Erzählstil der vorherigen Jahrhundertwende scheint auf. „Die Mittelschicht bricht weg und wird ersetzt durch Menschen wie mich, Menschen mit einem digitalen Glaskinn, die glauben, eine moderne Gesellschaft zu bilden, während sie der nackte Egoismus treibt.“

„Adrians Blick auf Berlin und auf die Biographie eines Zugezogenen ist spannend, weil er das alles in einer Zeit spielen lässt, die nicht mehr das Berlin von Herrn Lehmann ist, lange nicht mehr, aber auch noch nicht das Berlin in dem Migranten in ihrer höchsten Güteklasse gerne mal Expats genannt werden. Es ist ein Berlin, das sich seiner eigenen Armut, aber nicht seiner eigenen Sexyness bewusst ist – oder sein muss. … Hoffentlich findet dieses Stück Prosa die entsprechende Beachtung. Ein mikrotext von großem Format.“ (Kevin Junk, Fixpoetry)

„Popliteratur war gestern, es lebe die Zugezogenenliteratur.“ (Subliminal_Kids, Realvinylz)

„Stefan Adrian schafft ein unglaublich lebendiges, pulsierendes, oftmals atemloses Porträt eines Menschen und auch der Stadt Berlin.“ (Ansichtsexemplar-Blog)

„Das moderne Ich ist unrettbar zersplittert, da hilft auch ne Magnumflasche Uhu nicht. Doch warum das Nihil firmum gleich auf Basecaps drucken? In der projektbasierten Metropolis braucht man zum Überleben vor allem ein Pokerface. Stefan Adrians Berlin-Roman Bluffen führt uns folgerichtig hinter die Fassade eines kernlosen Charakters der Nuller Jahre, irgendwo im Bermuda-Dreieck von geplatzter Dotcom-Bubble, Nine Eleven und Early Gentrifizierung.“E-Book-News, Ansgar Warner)

Ein Wochenende aus dieser Zeit beschreibt das Stückwerk, aus dem mein Leben mit Laura bestand, sehr deutlich. Ich flog Freitag um sechs Uhr morgens nach Zürich, um für Holgers Magazin ein Interview mit einem Architekten zu machen, und wie meistens traf ich mich aus diesem Anlass mit Tim, dem Fotografen, mit dem ich ein Duo gebildet hatte. Wir postierten uns dann wie die lässigen Freigeister vor der jeweiligen Empfangsdame, was ein etwas antiquierter Ausdruck für die multilingualen Schönheiten ist, die in solchen Büros anzutreffen waren, und unserem Auftreten war nicht zu entnehmen, dass wir die billigsten Verkehrsmittel genommen hatten, um hierher zu gelangen, und noch weniger war uns anzusehen, dass wir nach der Produktion unsere letzten Geldscheine für ein Bier am Flughafen zusammenkratzen würden, während wir feststellten, wie sehr diese Menschen, die wir gesprochen hatten, es in einer Sprache der Zuversicht taten, an der es uns mangelte, Designer und Architekten, die unterschiedliche Auffassungen haben mochten, inwieweit ihre Arbeit nur ein kleiner Beitrag zur Veränderung des Alltags oder ein subtiler Beitrag zur gesellschaftlichen Revolution war, aber die sich alle in einem riesigen Ehrgeiz und vor allem einem noch viel größerem Glauben an die Zukunft einig waren, den Tim und ich in diesen Momenten künstlich generieren mussten, weil uns die Rechnungen am Monatsende entgegengeschleudert kamen wie Enterhaken.
Am gleichen Abend landete ich in Berlin und übernachtete bei Holger. Ich hatte Laura erzählt, ich würde erst den folgenden Abend zurück kommen, da ich eine Reportage an ein Magazin verkauft hatte, in dem ich in einem Selbstversuch den Taser ausprobieren würde, den die Polizei bei Demonstrationen einsetzen durfte, um Aggressoren auszuknocken. Laura hätte das nicht gut gefunden, also hatte ich es ihr gegenüber nicht erwähnt, auch wenn es mir nicht gefiel, sie anzulügen. Aber es war notwendig, um einen gemeinsamen Urlaub am Meer zu finanzieren, und ich brauchte einen Menschen, der mich – ohne mit der Wimper zu zucken oder Fragen zu stellen, ob das nun ein vernünftiges, dem Alter angebrachtes Handeln sei – mit einem Stromschock umnietete.
Dafür kam nur ein Mensch in Frage. Also stand ich um zehn Uhr morgens vor unserer alten Wohnung in der Straße der Pariser Kommune und klingelte. Rene war der einzige, der sich keine Gedanken um etwaige persönliche Konsequenzen machte, sondern einfach aus dem Grund dabei war, weil ich ihn darum gebeten hatte, denn trotz seiner Aussetzer war ein wesentliches Element seines Selbstverständnisses, jenen Leute rücksichtslos zu helfen, die er mochte.
Nach fünf Minuten knatterte seine Stimme durch die Gegensprechanlage, und als ich hochkam, fand ich ihn in Unterhose bekleidet am Küchentisch sitzen. Er rauchte eine Zigarette und rieb sich die Augen. Auf dem Boden und dem Tisch lagen Flaschen und alte Essenspackungen, die Teller stapelten sich neben dem Abwaschbecken, es roch nicht sehr gut. Da ich den Espressokocher beim Umzug mitgenommen hatte, hatte er wieder seinen alte Filterkaffee-Maschine aktiviert. Als Filter hatte er einen Socken verwendet, er lachte, als ich ihn herauszog. Seine temporäre Mitbewohnerin war bereits wieder ausgezogen. Ich betrachtete ihn, wie er an der Zigarette zog, und fragte mich, wie lange er noch Zeit hatte, bis er durchdrehen würde, ohne zu wissen, dass ich es sein würde, der ihm an diesem Punkt zuvor kommen würde. Dann schob ich ihn unter die Dusche und schaufelte Kaffeepulver in den Socken, während ich daran dachte, dass Menschen nach dem Einsatz des Tasers gestorben waren, auch wenn ich mich gleichzeitig beruhigte, dass diesbezügliche Berichte nie eindeutig gewesen waren, meistens hatte es damit zu tun gehabt, dass die Opfer einen Herzfehler gehabt hatten.
Ich hatte keinen Herzfehler, dachte ich, aber das hatten auch die vielen Hobbyfußballer nicht gedacht, bis sie eines Tages tot auf dem Platz umgekippt waren. Die Kaffeemaschine blubberte, schwarze Tropfen fielen tatsächlich durch den Socken, das Wasser prasselte gegen die Duschkabine, und ich schaute aus dem Fenster in den Hinterhof der Wohnung, in der ich mehrere Jahre gelebt hatte. Ich spürte, dass mein Leben in eine andere Phase eingetreten war.
Rene kam aus dem Bad und war nicht mehr als das Wrack zu erkennen, dass eben noch am Küchentisch gesessen hatte. Das nasse Haar klebte ihm noch am Kopf, die Augen waren wieder wach, die Stimme klarer. Es fiel ihm trotzdem schwer, mir in die Augen zu sehen. Wir fuhren über die Oberbaumbrücke und hörten Arcade Fire, deren melancholische Choräle nicht unbedingt die passende Einstimmung für diesen Anlass waren. Schließlich erreichten wir den Treptower Park, den ich ausgesucht hatte, da der Ort weitläufig war. Man konnte hier ungestört seiner Dinge nachgehen.
Der Tag war feucht, der Himmel grau, die Jogger liefen in wasserabweisenden Jacken an uns vorbei. Antje checkte bereits ihr Equipment. Ihr war etwas unwohl bei dem Gedanken gewesen, diese Aktion zu dokumentieren, zusätzlich war zwischen ihr und Rene kaum Sympathie aufgekommen, wenn sich ihre Wege gekreuzt hatten, aber ich hatte sie schließlich davon überzeugt, dass nichts passieren konnte – immerhin war eines der Bilder, wie ich betäubt am Boden lag, später in ihren ersten Ausstellungen zu sehen.
Außerdem hatte ich Niko, eine Ärztin und Stammgast in meiner Bar, gebeten, anwesend zu sein, falls ich die Zunge verschlucken oder sonderbare Zuckungen von mir geben sollte, die nicht dem Protokoll entsprachen. So war ich medizinisch nicht komplett unversorgt, und es war auch die Gefahr beseitigt, dass Rene im letzten Moment Skrupel bekommen und seine Mithilfe verweigern könnte, denn um eine schöne Frau zu beeindrucken, würde er einem vom Winde verwehten Hut hinterherhechten, selbst wenn die Stierherde von Pamplona heranpreschte, und Niko war eine großgewachsene, elegante Erscheinung mit langen, dunklen Haaren, die durch viele Reisen in jungen Jahren eine souveräne Weltgewandtheit entwickelt hatte, begleitet von einer beeindruckenden Schlagfertigkeit.
Aber auch sie war sich nicht im Klaren darüber, ob sie aus gutem Willen in eine gefährliche Situation gestolpert war, denn es war eine Sache, einem Freund einem Gefallen zuzusagen, und eine andere, am Ort mit der Situation konfrontiert zu werden. Außerdem wollte ich, dass sie alles mit meiner Videokamera festhielt. Antje machte erste Probefotos, um die Lichtverhältnisse zu prüfen, ich erklärte Rene den Taser und ließ ihn das Gerät zweimal im Leerlauf an mir testen. Ich versicherte allen nochmal, dass es kein juristisches Problem geben würde, selbst wenn ich mich augenblicklich in Rauch auflösen würde, da ich alle Vorbereitungen getroffen hätte und sie für nichts belangt werden konnten. Ich zeigte auf einen von mir verfassten Schrieb, den ich Niko in die Hand drückte, was vielleicht etwas theatralisch war, und instruierte Rene noch einmal, mit einem Countdown auf jeden Fall Antje zu signalisieren, wann er schießen würde, damit sie bereit war und wir den Moment für das Foto nicht verpassten, da wir es für die Story benötigten, und ich hämmerte ihm nochmal in seinen Wodkaschädel, dass es nur einen Schuss gab, da ich nicht nach zwei Sekunden wieder aufstehen würde wie Wolverine und mir mit einer verärgerten Geste den Dreck vom Ärmel schütteln würde, sondern am Boden liegen würde, als hätte man mir den Stecker gezogen, und falls er es versemmelte, würde ihm das Gleiche blühen.
Da stand ich dann, in einem beigen T-Shirt aus meinem Geburtsjahr 1978 mit der Aufschrift Mississippi Deep Sea Fishing Rodeo, einer alten Jeans von Carhartt und einem Trenchcoat, auf dessen linker Brusttasche „yes, we do dream of electric sheep“ zu lesen war und der noch aus der kleinen Kollektion stammte, die ich mir in der Siebdruckwerkstatt am Rosenthaler Platz gemacht hatte, aus der gleichen Kollektion, mit dem ich den Job in Jihads Verlag angefangen hatte, der sich nur ein paar Kilometer die Straße hoch befand. Das war acht Jahre her, dachte ich, ohne zu wissen, ob das viel oder wenig verstrichene Zeit war, betrachtete die Buchstaben und dachte, es wäre kein schlechter Zeitpunkt, ein Androide zu sein oder wenigstens kein schlechter, einen Funken Glauben an das ewige Leben zu besitzen, aber ich hörte nur die Stimme von Rene, der von zehn nach null zu zählen begonnen hatte, ich betrachtete Niko, die aufmunternd lächelte, und ich versuchte, mich nicht zu verkrampfen.
Im nächsten Moment lag ich auf dem Boden, das hieß, ich erinnerte mich lediglich an das abrupte Verwischen der Optik, einer Mischung aus dem Blau des Himmels und dem Grün der Erde, wie bei meinem Bungee-Jump, als ich von einer Brücke in ein Flussdelta gesprungen war, gemischt mit einem dumpfen Geräusch wie dem Schnauben eines gefallenen Pferdes, das ich mir aber auch eingebildet haben könnte. Laut den Aussagen der drei lag ich zehn Minuten auf dem Boden, ein paar Passanten hätten alarmiert zu uns gesehen, aber letztlich hatten wir Kameras dabei, und Menschen in Berlin waren es gewohnt, dass alles eine Inszenierung war.

Der Autor

Stefan Adrian_(c) Thomas Schweigert_QuadratStefan Adrian wurde 1975 im Burgenland geboren, einen Steinwurf entfernt vom tiefst gemessenen Punkt Österreichs. Schon daraus zeigte sich, wohin der Weg nur führen konnte: nach oben. Nach dem Abitur folgte der Umzug nach Wien, 2002 ein weiterer nach Berlin. Nach abgebrochenem Studium Tätigkeiten u.a. als Gelegenheitsjobber, McDonald’s-Küchenkraft, Journalist, Barkeeper, Chefredakteur oder als Ghostwriter (Tim Raue: „Ich weiß, was Hunger ist“, Piper, 2011). 2014 veröffentlichte er bei mikrotext „Der Gin des Lebens. Drinklyrik“.

 


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