Jan Kuhlbrodt: Über die kleine Form. Schreiben und Lesen im Netz

Auf digitalen Kanälen wie Facebook, Twitter und Blogs entstehen serielle, scheinbar momenthafte, konzeptuelle Kurz- und Kürzesttexte. Jan Kuhlbrodt nimmt diese kleinen Formen essayistisch-biographisch unter die Lupe und stellt seine eigene digitale Serie vor, in der Bob Dylan ihm einen Filzstift zurückgibt, mit ihm Taschenkrebse tauscht und per Anhalter fährt.

Erschienen am 6. September 2017
ca. 60 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-57-4

Erhältlich bei:
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Wir stellen den Titel am Donnerstag, 12. Oktober von 10-11 Uhr im Orbanism Space auf der Frankfurter Buchmesse beim Twitterbuchmessenfrühstück mit Fingerfood vor, Halle 4.1, B 91. Es diskutieren und lesen Sarah Berger und Jan Kuhlbrodt, es diskutieren mit: Christiane Frohmann, Nikola Richter. Es laden ein Frank Krings (Frankfurter Buchmesse) und ORBANISM.

Inhalt

Als der Nobelpreis für Bob Dylan verkündet wurde, teilten sich die Geister in Enthusiasten und Enttäuschte: ein gefundenes Fressen für alle diejenigen, die online ihre literarischen Meinungen kundtun, verteidigen und weiterentwickeln. Jan Kuhlbrodt stellt Dylans Songtexte in eine Linie mit dem heutigen Schreiben (und Lesen) kleiner Formen. Die Stasi kommt vor, Stephan Porombkas Schaukelpferd, Stefanie Sargnagels digital detox-Überlegung und Christiane Frohmanns Madeleine-Moment. Und hätte nicht auch Friedrich Nietzsche heute eher gebloggt, als sein Notizheft vollzuschreiben und so lange auf Reaktionen zu warten, bis ein Buch mit Aphorismen erschienen wäre? Welche offenen Bühnen sind das, auf denen heute sowohl Text produziert als auch kommentiert wird? Und brauchen wir nicht ein komplett neues, also auch offeneres Literaturverständnis?

„Zu einem ebook über die ‚kleine Form‘, nebst Nachtrag zu 1 Drama.“ (Stefan Schmitzer, Fixpoetry)

„In Zeiten nachlassender Aufmerksamkeitsspannen sind die sogenannten Sozialen Medien und diese kurze Form des Erzählens sicher gute Mittel um gehört zu werden, wenn man etwas zu sagen hat. Davon mag man halten, was man möchte, aber Kuhlbrodt hat viel zu sagen. Seine Gedanken, die er teilweise wie einen Bewußtseinsstrom präsentiert, sind pointiert, sozialkritisch und ironisch gebrochen.“ (KUNO)

Zunächst erschien mir die Netzwelt als ein Überangebot, es war ein Gefühl wie 1989, als ich das erste Mal einen West-Berliner Supermarkt betrat. Ich war von der Warenmasse überfordert und war ja auch nur zufällig hineingeraten, wusste gar nicht, was ich wollte und ob ich überhaupt etwas brauchte.
Einerseits erschien es mir also als Überangebot und andererseits wie eine Parallelwelt, die mit der, in der ich lebte, wenig Anknüpfungspunkte hatte.
Meine Herkunft verschwand über die Jahre, löste sich gewissermaßen im Nachbarland auf. Das Netz aber breitete sich aus, war weltweit. Und heute kann ich mir eine Welt ohne Netz gar nicht mehr denken. Es hat sich wie eine zweite Haut über die Dinge und Ereignisse gelegt, verdeckt bestimmte Bezüge, irritiert den linearen Ablauf der Ereignisse, macht dadurch andererseits Zusammenhänge, von denen ich bislang nichts wusste, erst sichtbar.
Später kaufte ich Zahncreme. Ich ging in den Supermarkt, nahm die erste Tube, die ich sah, und eilte damit zur Kasse.

4. kapitel
ob ich das nicht aufschreiben wolle, fragte bob dylan, als ich ihn einmal an der autowaschanlage traf. wir waren beide ohne auto da und fotografierten nur. später dann tauschten wir die bilder, und ich sagte: ja.
5. kapitel
als ich bob dylan zum ersten mal traf, erkannte ich ihn nicht. ich erinnere mich aber an seinen festen händedruck.
6. kapitel
einmal, als bob dylan seinen schlüssel verloren hatte, lehnte er es ab, bei mir zu übernachten. man steckt nicht drin in diesem bob dylan, sagte bob dylan.

Der Autor

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Jan Kuhlbrodt, 1966 in Karl-Marx-Stadt geboren, studierte politische Ökonomie, Philosophie und Soziologie in Leipzig und Frankfurt am Main sowie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Von 2007 bis 2010 war er Geschäftsführer der Literaturzeitschrift Edit und Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut. Zuletzt veröffentlichte er die Gedichtbände Stötzers Lied (2013) und Kaiseralbum (2015), den Essay Geschichte (2014), das E-Book Überschreibungen (2016) mit Martin Piekar (alle Verlagshaus J. F. Frank) und den Roman Das Modell (Nautilus 2016). Bei mikrotext erschien 2013 der kollaborative Genesis-Essay Das Elster-Experiment. Kuhlbrodt betreibt den Blog postkultur.wordpress.com. Er lebt in Leipzig und wurde 2014 mit dem sächsischen Literaturpreis ausgezeichnet.


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