Jan Fischer (Hg.): Irgendwas mit Schreiben. Diplomautoren im Beruf

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Sie waren Youtube-Sternchen, Vorband, Museumswärter oder Messeköchin. Sie sind Arztsohn, Volontärin, Comedy-Duo oder Mutter. Über den wahren Berufseinstieg von gelernten Autoren.

Mit Beiträgen von Jan Fischer, Florian Kessler, Thomas Klupp, Jan Kuhlbrodt, Stefan Mesch, Alexandra Müller, N.N., Sina Ness, Johannes Schneider, Martin Spieß, Tilman Strasser, Lino Wirag, Mirko Wenig. Mit einem Vorwort über die literarische Lebenskunst von der Hildesheimer Kulturwissenschaftlerin Jacqueline Moschkau.

Erschienen Mitte März 2014
ca. 350 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-15-4

Erhältlich bei:
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Inhalt

Ein Ruck geht seit Januar 2014 durch das deutschsprachige Feuilleton: Rezensenten, Autoren, Betriebler diskutieren über den in der ZEIT veröffentlichten Essay von Florian Kessler „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn”. Darin prangert Kessler die Stromlinienförmigkeit der aktuellen Literatur an und findet dafür er einen provokanten Begriff: Speck Lit.
Sein Text war, das erwähnte kaum einer der Debattentexte, im Auftrag dieser Anthologie entstanden, die in einem breiteren Kontext auf die Biographien und Arbeitsstrategien von Schreibschulabsolventen schaut. Natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Was wird eigentlich aus denen, die an den deutschen Schreibschulen in Hildesheim und Leipzig studieren? Denjenigen, die nicht als Debütanten hochgelobt werden. Denjenigen, die danach oft auch wieder fallen gelassen werden? Wie finden sie einen Berufseinstieg? Mit welchen Hürden und Vorurteilen müssen sie umgehen lernen? Wo werden Schreibende und Schreibenkönnende heute überhaupt noch gebraucht? Eine Aufwertung und Aufklärung zum deutschsprachigen Literaturbetrieb, wie er abseits der Großfeuilletons stattfindet. Denn: Diplomautoren sind überall.

„Spannend, witzig und aufschlusreich.” (Kubiwahn)

„Bildet eine Seite ab, die sonst in der öffentlichen Wahrnehmung von Schreibschulen untergeht, ein interessanter Ansatz.” (Jörn Dege, Mitschnitt der Debatte im DLL im Litradio)

Für andere mag es ein Leben nach der Schreibschule geben. Für mich nicht. Einmal drinnen, bin ich nie wieder raus. Von 2001 bis 2006 war ich Schreibschulstudent, seit 2007 bin ich Schreibschuldozent. Meinen Debütroman habe ich an der Schreibschule geschrieben. Meine Lektorin hat an derselben Schreibschule studiert wie ich. All meine Freunde haben an Schreibschulen studiert. Ich habe meine Freundin im 1. Semester an der Schreibschule kennen gelernt. Vor zwei Jahren haben wir das erste Schreibschulkind Deutschlands bekommen. In der vergangenen Dekade habe ich Minimum zehn Millionen Seiten Schreibschulliteratur gelesen. Auf Minimum tausend Parties habe ich Minimum zehntausend Drinks mit Schreibschulstudenten getrunken. Egal, wohin ich gehe, begegnen mir Schreibschulgesichter, Schreibschulthemen, Schreibschultexte. Von Jahr zu Jahr mehr. (aus: Schreibschule für immer & überall, Thomas Klupp)

Imaginäres Gespräch über die Hecke hinweg, 2009
NACHBAR: Was macht’n eigentlich die Alexandra?
MAMA: Die lebt in Berlin.
NACHBAR: Ah, ja. Studiert sie noch?
MAMA: Nein, sie hat ihr Diplom jetzt.
NACHBAR: Und was macht sie jetzt?
MAMA: Sie lebt in Berlin. (aus: Fiktive Gespräche am Gartenzaun, Alexandra Müller)

Ich hatte lange Probleme damit, mich offen Schriftsteller zu nennen. Obwohl es mein Traumberuf war, brauchte das Coming-Out eine gewisse Zeit. Als Gründe fungierten wohl die Abneigung gegen Vertreter eines intellektuellen Milieus, das ich von Kind auf zu achten eingetrichtert bekam. Ich bin in der DDR aufgewachsen, da wurde das Proletariat geachtet, einschließlich der ihm dienenden „besonderen Formationen bewaffneter Kräfte“ (Verkehrspolizisten, Trapo, Offiziere der Nationalen Volksarmee). Im Grunde sollte alles zur Arbeiterklasse werden, was der Theorie des Kommunismus durchaus widersprach. Denn dort sollte sich die Arbeiterklasse in Freiheit auflösen, der zwanghaften Identifizierung würde im Kommunismus ein Ende gesetzt.
Ein wenig durchweht dieser DDR-Geist, der wahrscheinlich einem radikalen Protestantismus entstammt, auch die derzeitige Debatte um die soziale Herkunft der Literaten. Die Argumentation erinnert an religiöse Bilderstürmerei, weil sie versucht, ein sozialökonomisches Problem ästhetisch zu lösen. Denn wenn wir einen breiteren Zugang zur Kunst wollen, müssen wir die Schulen reformieren, die frühzeitige Trennung der Schüler beenden. (aus Jan Kuhlbrodt, Das Sozialamt der Freiheit)

Der Herausgeber

Foto Jan Fischer (c) privat 600x600Jan Fischer studierte zwischen 2003 und 2010 Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. 2010 brach er das Studium ab. Zur Zeit ist er nebenbei Teilzeittexter für einen Online-Spielzeughandel in Hannover und hauptsächlich freier Autor und Journalist. Außerdem viertbester Luftgitarrist Deutschlands.


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