Isabel Fargo Cole: Ungesichertes Gelände. Liebesnovelle

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Handgeschriebene Briefe an den Geliebten: Die Autorin und Übersetzerin Isabel Fargo Cole nimmt sich eines traditionellen Genres der Ich-Literatur an und verlegt es in das 21. Jahrhundert, in eine Zeit der allgegenwärtigen Überwachung und des Misstrauens.

Erschienen Ende Dezember 2013
ca. 250 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-11-6

Erhältlich bei:
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Inhalt

Es ist ein ungleiches Paar, das sich jede Woche beim Aktivistentreffen in einer Kneipe sieht. Sie engagiert sich in einer Friedensbewegung, verfasst massenhaft Kommentare in Mailinglisten, recherchiert zu russischer Literatur und entwickelt peu à peu eine Paranoia. Er sitzt scheinbar teilnahmslos am Tresen, beobachtet sie, fordert sie heraus, ohne verbindlich zu werden. Eine klassische Patt-Situation, eine Affäre, die nicht vorankommt. Schließlich bringt die Ich-Erzählerin eine junge Frau mit in die Aktivistengruppe. Frauke übergibt sich gleich am ersten Abend und weicht fortan nicht mehr von ihrer Seite – bis die Wirklichkeit brutal zuschlägt. Isabel Fargo Cole stellt in ihrer Briefnovelle grundsätzliche Fragen nach Handlungsfreiheit und persönlicher Integrität und analysiert die menschlichen Mechanismen der Ausspähung.

„It is dark and wintry and heart-wrenching and quite the most intelligent and simultaneously beautiful and radical thing I’ve read in a long time.“ (Katy Derbyshire auf lovegermanbooks)

„Smart in both its format and content, a novella in letter form.“ (Lucy Renner Jones, Transfiction.eu)

Ich habe keine Angst vorm Fliegen – keine Todesangst. Die Vorstellung, durch die Luft zu stürzen, im Feuerball zu verdampfen oder im schrumpfenden Flugzeugrumpf zwischen den Sitzen zermalmt zu werden, ist greifbarer als je zuvor. Und lässt mich doch unberührt. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden, ist klein. Die Wahrscheinlichkeit, Täter zu sein, wird zunächst vorausgesetzt. Das beunruhigt mich doch. Die Annahme meiner Schuld – und die Lächerlichkeit der Gegenmaßnahmen.
Am Schalter tritt ein höflicher Uniformierter auf mich zu und stellt Fragen. Ob ich den Koffer selbst gepackt habe, ob ich Geschenke oder mitgegebene Gegenstände mitführe, ob mein Gepäck die ganze Zeit unter meiner Aufsicht gewesen sei. Immer übernächtigt, blicke ich auf den Koffer hinunter und kann mich an nichts erinnern, weder ihn gepackt, im Bus mitgehabt oder auf ihn aufgepasst zu haben. Ja, nein, ja, sage ich; man bedankt sich und geht weiter. Ich denke angestrengt nach, ob sich in meinem Handgepäck irgendetwas Unzulässiges befindet. Mein Taschenmesser habe ich längst eingebüßt. Ich taste in meiner Tasche herum und steche mich an einer aufgesprungenen Sicherheitsnadel, die ich beiseite legte, wie auch einen Textmarker, der von weitem wie ein Tapetenmesser aussehen könnte. Dann fällt mir ein Kellnermesser in die Hand. Ich fahre mit dem Daumen über die kurze Klinge und stelle mir vor, einer Stewardess damit die Kehle durchzuschneiden. Was für ein Kraftakt, den Widerstand der Haut zu überwinden – dann das Verheddern in Sehnen und Muskeln, im Knorpel der Gurgel, was für Alptraummühen. Genauso gut könnte ich den Korkenzieher ausklappen, die glänzende Spirale durch meine festgeschlossene Finger herausragen lassen und plötzlich ins Auge versenken.
Es kommt nicht in Frage, das Kellnermesser mit an Bord zu nehmen. Ich klappe es zu und lege alle bedenklichen Gegenstände in meinen Koffer.
Dann das langsame Vorrücken der Schlange am Schalter, die Überraschung, beinahe überhebliche Enttäuschung, dass man mich durchlässt, das Verschwinden der Menschen in der Passkontrolle, das Verschwinden der Tasche im Röntgengerät, auf der anderen Seite des Tores das Filzen, überhaupt die ganzen Tore, durch die man in immer engere Gänge und Räume gelangt, die Glasscheiben, die verbrauchte Luft, das Festschnallen, die Pantomime der Stewardess, ein Verhalten, das man sich für den Notfall merken muss.

Die Autorin

Isabel Cole (c) privat_quadratrischIsabel Fargo Cole wurde 1973 in Galena, Illinois, USA geboren und lebt seit 1995 als freiberufliche Autorin und Übersetzerin in Berlin. Seit 2006 schreibt sie hauptsächlich auf Deutsch; ihre Kurzprosa ist in verschiedenen Zeitschriften erschienen. Sie hat u. a. Bücher von Friedrich Dürrenmatt, Franz Fühmann, Annemarie Schwarzenbach und Hermann Ungar übersetzt und arbeitet zur Zeit an Wolfgang Hilbigs „Ich“. Außerdem ist sie Mitbegründerin und Redakteurin von www.no-mans-land.org, der Online-Zeitschrift für deutsche Literatur auf Englisch. 2013 war sie eine der InitiatorInnen der globalen Kampagne „Writers Against Mass Surveillance“.


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