Julia Tieke, Faiz: Mein Akku ist gleich leer. Ein Chat von der Flucht

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Cover-Faiz-Julia-Tieke-Mein-Akku-ist-gleich-leer-mikrotext-2015-400pxIn seiner Heimat Syrien droht ihm die Enthauptung durch den IS. Also flieht Faiz durch die Wälder. Sein Handy hat er, wie alle Flüchtlinge, immer dabei, und er chattet, cool und doch verzweifelt, mit einer Deutschen, die er in der Türkei kennengelernt hat.

Erschienen im April 2015
ca. 50 Seiten auf dem Smartphone, mit 8 Fotos, aufgenommen auf der Flucht
ISBN 978-3-944543-22-2, 1,99€. Auch als gedrucktes Buch erhältlich, in jedem Buchladen oder bei Amazon, 7,99€

Erhältlich bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia und im Buchhandel.

Alle Termine (Presse und Lesungen) mit Julia Tieke und Faiz hier auf einen Blick.

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Inhalt

Es ist strapaziös und gefährlich, das eigene Land auf dem Landweg zu verlassen, sich verstecken zu müssen, abhängig von den Schleppern und ihren (vielleicht falschen) Informationen zu sein, fern von der Familie, in ständiger Angst vor der Polizei. Ohne ein Handy, das über das mobile Internet Kontakt zur Welt herstellen kann, wäre ein heutiger Flüchtling verloren. Faiz gibt in diesem Chat alles preis, seinen Mut, aber auch seine Enttäuschungen. Und auch seine Chatpartnerin Julia Tieke, die sich immer wieder bei ihm aus dem fernen Deutschland mit Hilfevorschlägen meldet, ist oft überfordert, aber sie gibt nicht auf. Ein seltenes Dokument über Menschenliebe, Hoffnung, Traurigkeit. Mit bewegenden Fotos: eine Hütte im mazedonischen Wald, ein Kleintransporter zum Gefängnis, eine Stromladestation in einem Dorf.

„Bühnenreif.“ (Elke Heinemann, FAZ)

„Das Protokoll … gibt einen Einblick in die Lebensrealität tausender Flüchtlinge.“ (Zeit Online)

„Lohnenswert und lesenswert, aufrüttelnd, ehrlich, menschlich!“ (Sophie Weigand, Literatourismus)

„Grandios. Ein spannendes Zeitdokument, das den Fremden zum Menschen macht. Pflichtlektüre für Festungsbewohner.“ (Elisabeth Dietz, Bücher-Magazin)

„Drastischer, unmittelbarer kann Literatur kaum sein … Wenn Julia und Faiz sich aufeinander beziehen, in skeletthaft reduzierten Sätzen, schaffen sie genau das, was Literatur schaffen will: Sie schreiben gegen die Zustände an, sie schreiben gegen das Vergessen, für die Menschlichkeit. Sie schreiben sich selbst.“ (Gertrude Blühmenkohl, Lovelybooks)

„Hier gibt’s eine dramatische Geschichte, deren Hintergründe man sich selbst denken darf. Es ist wirklich sehr anders als die klassischen Briefwechsel der großen Denker, wie sie gelegentlich als Coffee-Table-Books herumliegen. Hier bekommt man beim Lesen keine umfassende gesamtgesellschaftliche Betrachtung einer politischen Situation. Statt dessen wird man eingeladen zum Selberdenken.“ (Blog Papas Wort)

„Absolut empfehlenswert.“ (Tanja Folaji, Elektro vs Print)

„Ein gutes Beispiel für die Aktualität und die Textsorten, die mit digitaler Literatur möglich sind.“ (Frank Rudkoffsky, Blog)

„Ich hatte das Gefühl, das einzig konkrete, das ich für Faiz tun kann, ist, den Kontakt zu halten. Daher habe ich in dieser Zeit in meinem Handy die Benachrichtigungen für eingehende Nachrichten aktiviert, was ich sonst nie tue. In diesem Fall war es mir wichtig, ggfls. sofort reagieren zu können. Damit habe ich mich aber auch unter Stress gesetzt, denn ich habe mich beispielsweise in einem Theater-Foyer, im Supermarkt oder auf einer Party befunden, wenn gerade eine neue Nachricht aus den Wäldern Südosteuropas bei mir landete. Und da fühlt man sich hilflos. Die Asymmetrie unserer Lebensumstände war direkt, sozusagen symmetrisch, erlebbar, in der Gleichzeitigkeit des Chats, dem Live-Charakter der direkten digitalen Verbindung vom Lager im Wald in die Berliner Wohnung, vom Lastwagen eines Schleppers an den Bürotisch.“ Interview mit Julia Tieke

Alle Leserkommentare bei der Leserunde auf Lovelybooks

Julia: Salam, Faiz. Wo bist du? Ich hab von Hozan gehört, dass du unterwegs bist.
Faiz: Ich bin in Mazedonien, im Dschungel. Vielleicht gehe ich zurück nach Griechenland.
Julia: Kann ich dich irgendwie unterstützen?
Faiz: Ich weiß nicht. Wir leben wie Affen, zwischen den Bäumen. Es ist unmöglich, nach Serbien zu gelangen. 14 Tage, inmitten von Bäumen.
Julia: Ich habe eine gute Freundin mit Freunden in Mazedonien. Ich ruf sie noch heute an. Wahrscheinlich leben die in Skopje.
(Später am Tag)
Julia: Es tut mir leid, dass du das alles durchmachen musst. Skopje ist etwa 140 km weit weg von dort, wo du jetzt laut Facebook bist.
Faiz: Mein Akku ist gleich leer. Vielleicht gehe ich zur Polizei. Um diese furchtbare Reise zu beenden und nach Athen zurückzugehen.
Julia: Oh. Sie würden dich einfach zurück nach Athen schicken?
Faiz: Ja. Nachdem sie uns geschlagen haben.
Julia: Kannst du dein Handy aufladen? Ich kann versuchen, über diese Freunde Geld zu schicken.
Faiz: Neiiiiin! Ich brauche kein Geld.
Julia: Ok.
Faiz: Wir müssen Menschen bleiben. Nur das.
Julia: Ja.
Faiz: In dieser schrecklichen Welt.
Julia: Du bist ganz sicher ein Mensch!
Faiz: Ja.
Julia: Du wirst also nach heute erstmal nicht mehr schreiben können?
Faiz: Ich werde probieren, das Handy in irgendeinem Dorf aufzuladen.

Der Autor

Faiz, geboren 1988, hat in Aleppo englische Literatur studiert. 2011 schloss er sich den Protesten für Freiheit, Gerechtigkeit und Würde in Syrien an. In seiner Heimatstadt Manbidsch dokumentierte er als Medienaktivist Proteste und staatliche Repressionen gegen Aktivisten, gründete nach dem Rückzug des Regimes mit anderen Aktivisten ein Zentrum für Zivilgesellschaft und half, einen Sendemast für unabhängiges Radio zu betreiben. Extremisten des „Islamischen Staats“ übernahmen Anfang 2014 dauerhaft die Kontrolle der Region. Sie drohten Faiz wegen seiner zivilgesellschaftlichen Arbeit mit Enthauptung und zwangen ihn so ins Exil. In der Türkei konnte er seine Arbeit nicht fortsetzen und sah keine Perspektive, so dass er sich schließlich zur Flucht nach Deutschland entschloss. Zur Zeit lebt er in Schleswig-Holstein.

Die Autorin

Julia TiekeJulia Tieke, geboren 1974, hat in Hildesheim Kulturwissenschaften studiert und beschäftigt sich freiberuflich mit „text, sound & around“. Seit 2007 ist sie Projektleiterin der „Wurfsendung“, dem ultrakurzen Hörkunst-Format von Deutschlandradio Kultur. Seit 2009 erarbeitet sie Features, Hörspiele und freie Audio-Projekte zum Nahen Osten/Nordafrika, beispielsweise mit dem „Alexandria Streets Project“ (2012) und „Trading Urban Stories“ (2014, beide mit Berit Schuck). Bei einer Recherchereise für ihr aktuelles Feature „Syria FM. Begegnungen mit Radiomachern zwischen Berlin und Aleppo“ (Deutschlandradio Kultur 2015, nachzuhören hier) hat sie Faiz in Gaziantep (Türkei) getroffen.


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