Arthur Cravan: König der verkrachten Existenzen. Best of

Arthur Cravan: Koenig der verkrachten Existenzen. Best of. mikrotext 2016.Arthur Cravan ist das Pseudonym des Dichters, Amateurboxers und Dada-Vorläufers Fabian Avenarius Lloyd. Zuletzt gesehen im November 1918 in Salina Cruz, Mexiko. Wahrscheinlich wenig später im Pazifischen Ozean ertrunken.

Erschienen am 8. Februar 2016
Aus dem Französischen von Hanna Mittelstädt und Pierre Gallissaires, Auswahl aus der Gesamtausgabe erschienen bei Edition Nautilus
ca. 150 Seiten auf dem Smartphone, mit 12 historischen Schwarz-Weiß-Fotos
ISBN 978-3-944543-33-8

Auch erhältlich bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia und im Buchhandel.

Inhalt

Hochstapler, Hoteldieb, Neffe Oscar Wildes und Preisboxer: Arthur Cravan war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris ein der gesamten Avantgarde gut bekannter Herumtreiber und Herausgeber einer Subkultur-Zeitschrift (Maintenant), die er auf einem Gemüsekarren verteilte. Seine angriffslustigen Texte machten sich über die etablierten Kunstsalons lustig und provozierten die stickige Welt der Pariser Literaturszene. In seinen Texten fand er eine eigene, großmäulige, naive und doch zärtliche Sprache. Das E-Book enthält eine Auswahl der zu Lebzeiten veröffentlichten Texte Cravans, alle Liebesbriefe an die US-amerikanische Künstlerin, Dichterin, Futuristin, Schauspielerin und Lampendesignerin Mina Loy, außerdem Schwarz-Weiß-Porträts von Arthur Cravan und Mina Loy sowie Abbildungen von damaligen Plakaten und von Cravans Zeitschrift. Die Gesamtausgabe ist gedruckt bei Edition Nautilus erschienen.

„Ich ziehe Arthur Cravan vor, der während des Krieges um die Welt reisen musste und ständig gezwungen war, seine Nationalität zu wechseln, um der menschlichen Dummheit zu entgehen.“ (Francis Picabia)

„Wer wissen will, wie man als Bohemien besteht, sollte Arthur Cravan lesen.“ (Maike Albath, Deutschlandradio Kultur)

„Wie Cravan sich der Liebe hingibt, ist aufrichtig, klar und heftig, geschrieben ohne Schnörkel, die Wucht ist überraschend und deshalb so liebens- und lesenswert.“ (Tania Folaji, Elektro vs. Print)

Als ich nach einer langen Periode schlimms­ter Faulheit fieberhaft davon träumte, wie ich sehr reich werden könnte (mein Gott! wie oft träumte ich davon!); als ich so beim Kapitel der ewigen Projekte war und der Gedanke mich allmählich erwärmte, unredlich zu Reichtum zu kommen, und zwar unerwarteterweise durch die Poesie – ich habe immer schon versucht, die Kunst als Mittel und nicht als Zweck zu betrachten –, sagte ich mir fröhlich: „Ich sollte Gide aufsuchen, der ist Millionär. Na, was für ein Jux, ich werde den alten Literaten um den Finger wickeln!“
Sogleich – denn genügt es nicht, sich in Schwung zu bringen? – verlieh ich mir eine außerordentliche Gabe zum Erfolg. Ich schrieb ein paar Zeilen an Gide, in denen ich mich auf meine Verwandtschaft mit Oscar Wilde berief; Gide empfing mich. Er staunte über meine Statur, meine Schultern, meine Schönheit, mein exzentrisches Wesen, meine Worte. Gide fraß einen Narren an mir, ich hielt ihn für angenehm.

Meine Angebetete,
wie viele Empfindungen und Gefühle, seit ich in Kanada bin! Ich wünschte, Du wärst bei mir. Ich liebe Dich wirklich, ich bin mir jetzt darüber klar geworden. Versäume nicht, mir nach St. John, New Brunswick, zu schreiben, das ist meine einzige Sorge. Wir sind in einem kleinen Landgasthaus, und eben hat eine Dame eine alte Ballade auf dem Klavier gespielt. Unglaublich, wie mich das bis ins Innerste aufgewühlt hat!
Heute Morgen haben wir im St. Johns River gebadet. Von nun an werden wir uns viel weniger schnell fortbewegen, da es fast keine Autos mehr gibt. Zu Fuß brauchen wir ungefähr fünf Tage, um St. John zu erreichen. Vielleicht fahren wir mit dem Zug. Wir warten auf ein Telegramm, da wir kein Geld mehr haben und nicht von hier weg können. Wie werde ich Dich lieben, wenn ich zurück bin! Meine Briefe sind dumm, aber ich hoffe, Du nimmst es mir nicht übel: Ich bin kein Literat!
Ich bin wütend, nicht jeden Tag Nachrichten von Dir zu bekommen. Weißt Du, dass es hier hundekalt ist und dass es jede Nacht friert? Wenn wir uns wiedersehen, erzähle ich Dir ein paar Geschichten, dass Du Tränen lachst. Würdest Du den Wind hören, wie ich in diesem Augenblick, so würdest Du erkennen, dass nicht alles verdorben ist. Es sind schon große Feuer in den Häusern angezündet worden. Wir müssen unbedingt einmal zusammen reisen: Ich fühle mich nur auf Reisen wirklich wohl und werde fast stumpfsinnig, wenn ich zu lange am selben Ort bleibe. Ich schreibe heute Abend weiter, um zweimal mit Dir gesprochen zu haben.
Jetzt ist es Nacht. Ich denke immer noch an Dich. Die Kinder des Wirtes spielen wie Clowns und, unglaublich, dabei muss ich an Deine Kinder denken. Das ist, wie wenn einem übel wird, und der Mond lässt einen an einen Camembert denken. Eine Zwangsvorstellung.
Und ich liebe Dein Zimmer, Dein Badezimmer, das Schweizer Restaurant und alles, was mit der Erinnerung an Dich verbunden ist. Vor allem schreibe mir, und zwar einen langen Brief mit tausend Einzelheiten über Dein Leben. Alles interessiert mich.
Lebe wohl, bis bald! Je mehr ich mich von Dir entferne, desto mehr liebe ich Dich. Ich schicke Dir meine verrücktesten Küsse.
Arthur Cravan

Der Autor

Boxerpose_Quadrat Arthur Cravan (eigentlich Fabian Avenarius Lloyd), geboren am 22. Mai 1887 in Lausanne, verschollen Anfang 1919 an der Pazifikküste Mexikos bei Salina Cruz. Die Schwester seines Vaters war die Ehefrau Oscar Wildes, der für Arthur Cravan ein Vorbild war. Nach Auslandsaufenthalten in Kalifornien (als Boxer, Orangenpflücker und Holzfäller) und Berlin (Chauffeur) lebt er ab 1909 in Paris, wo er Teil der künstlerische Avantgarde ist. Ab 1912 Publikation seiner Zeitschrift Maintenant (Jetzt). Ab 1913 Wegbereiter der Dada-Bewegung mit provokativen Soiréen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges: Cravan geht im Herbst 1915 als Deserteur nach Spanien, New York, Kanada, Mexiko, wo er in Mexiko-Stadt eine Boxschule eröffnet. 23. April 1916: legendärer Boxkampf in Barcelona gegen den schwarzen Weltmeister Jack Johnson. Knockout von Cravan in der 6. Runde. Im März 1918 heiratet er die englische Dichterin Mina Loy in Mexiko-Stadt und hat mit ihr eine Tochter, die nach seinem Tod geboren wird.

Die Übersetzer

Hanna Mittelstädt lebt und arbeitet in Hamburg. Mitbegründerin des Verlags Edition Nautilus, jetzt Verlagsleiterin. War Co-Übersetzerin für viele Werke aus dem Französischen (unter anderem Situationistische Internationale, Cravan, Picabia, Céline) sowie Redaktionsmitglied in den verlagseigenen Zeitschriften. Veröffentlichte mehrere eigene Prosabände.

Pierre Gallissaires ist Übersetzer und Lyriker. Er lebt in Montauban, Frankreich. Er übersetzte aus dem Deutschen ins Französische (Max Stirner, Arthur Schnitzler, Oskar Panizza, Alfred Döblin und andere) sowie als Co-Übersetzer aus dem Französischen ins Deutsche (Texte der Situationisten, Raul Vaneigem, Louis-Ferdinand Céline, Arthur Cravan, Francis Picabia und andere). Er veröffentlichte verschiedene Lyrikbände, zuletzt Le dit du poème parmi d’autres bei Edition Aviva, Bordeaux.


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