Aboud Saeed: Lebensgroßer Newsticker. Szenen aus der Erinnerung

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Cover - Aboud Saeed – Lebensgroßer Newsticker

Die zweite Veröffentlichung des großen syrischen Egos Aboud Saeed: autobiographische, packende, poetische Texte über das Aufwachsen in einem Land, das es so nicht mehr gibt, und über das Finden der eigenen Autorenstimme trotz aller Widrigkeiten.

Erschienen im März 2015
Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl
ca. 250 Seiten auf dem Smartphone

ISBN 978-3-944543-21-5

Erhältlich bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia und im Buchhandel sowie als gedruckte Ausgabe bei Spector Books, 160 Seiten, ISBN 978-3-95905-043-2, 14,00€.

Inhalt

Zaubercreme, das Spuckspiel und die Ankunft von Skype: In seinem zweiten Buch erzählt Aboud Saeed von seiner Kindheit im Norden Syriens, der Schulzeit unter dem Baath-Regime, vom Gastarbeiterdasein im Libanon, vom Anfang des Krieges, der Flucht in die Türkei und seiner Ankunft in Deutschland. Anekdoten aus dem Alltag wechseln sich mit „open texts“ (Aboud Saeed) ab, die an seine Facebook-Statusmeldungen, formal freie, direkt den Leser ansprechende, rhythmische Texte erinnern, eine experimentelle Mischung aus Prosa, Geschichte, Erzählung und „Delirium“, so nennt es der Autor.
Die verrückten Gestalten, die ihm begegnen und ihn beeindrucken, sind die Hauptfiguren der Szenen. Sie machen den syrischen Alltag in den 90er und 00er-Jahren erlebbar, „eine Zeit tiefer Ignoranz, Marginalisierung der Bürgers, Ermordung der menschlichen Seele“, der „sozialen Korruption und des Chaos im Schatten einer Familiendiktatur“. Alle Ereignisse haben sich „vor dem Hintergrund dieses stetigen Verfalls zugetragen“. Die Texte berichten nicht auf direkte Art und Weise vom Krieg, sondern mit Hilfe der Konflikte innerhalb der eigenen vier Wände, auf der Straße, am Arbeitsplatz oder in der Schule. „Die kleinen Nebenkriege sind Echos der großen Kriege“, sagt Aboud Saeed.

Lesungen 2016:
16. Juni: Dorett Bar, Mainz
3. Juli: FLIP Festival, Paraty (Brasilien)

„Saeed ist eine der wichtigsten Stimmen der jungen syrischen Generation.“ (Zenith)

„Große wilde Geschichten von einem freien Autor … Das perfekte E-Book für alle, die noch nie ein E-Book gelesen haben. Da verbindet sich diese Form, schnell zu publizieren, schnell zu schreiben, mit der Möglichkeit, das schnell zu lesen.“ (radio eins)

„Aboud Saeeds einfache und oft launige Prosa erinnert manchmal an die Texte von Poetry Slams, wäre da nicht der Kern harter, grausamer Realität, der ihnen Gewicht verleiht.“ (Blog von Frank O. Rudkoffsky)

„Wenn man kaum Zeit zum Lesen hat und ein Buch dann doch in kürzester Zeit liest, dann spricht das sehr für das Buch. …Ich glaube, ich habe selten so viele unterschiedliche Facetten von traurig über brutal bis hin zu skurril in einem Buch versammelt gefunden.“ (Ansichtsexemplar)

„Der Star eines kleinen, rasch wachsenden E-Book-Fanclubs.“ (Elke Heinemann, FAZ)

Eingetrockneter Stift
Buchstaben sind Bakterien, planlos aufgereiht auf der weißen Fläche der Word-Datei oder des Papiers. Dann kommt die Sprache und gibt diesen Bakterien ihre Existenzberechtigung. Ich hatte Angst vor dem Schreiben. Angst vor Stiften. Vor Heften. Vor Büchern. Ich hasste Buchläden. Ich hasste die Schule. In der Grundschule war die höchste Note, die ich je im Diktat bekommen habe, vier von zehn Punkten. Und die vier Punkte kamen alle von Präpositionen.
Einmal verlangte der Arabischlehrer von uns, einen Aufsatz zu schreiben. Er war sehr streng und hatte einen Stock, mit dem er immer auf die faulen Schüler einschlug. Mein Heft war ein Heft für alle Schulfächer, wo ich alles durcheinander hineinschrieb. Von den Schulheften der anderen hob es sich besonders durch die roten Fettflecken darin ab, von der Paprika- oder Tomatenpaste meiner Schulbrote.
Die Schüler pflegten ihre Hefte mit Zeichentrickfiguren zu verzieren, während ich meine mit Fotos von Lenin und Marx beklebte – wobei ich nicht wirklich wusste, wer die beiden waren. Aber ich mochte ihre Köpfe, sie machten großen Eindruck auf mich. Außerdem, wer ist schon diese Heidi? Wer ist Sandybelle? Wer sind Belle und Sebastian? Wer seid ihr überhaupt?
Wenn meine Mitschüler mich nach den Bildern auf meinem Heft fragten, pflegte ich zu sagen: „Das ist mein Onkel, Scheikh Marx.“ „Ah. Ist der tot?“ „Ja, er ist gestorben.“ „Gott hab ihn selig!“
Einmal kam ich gerade ins Klassenzimmer, als mich ein Mitschüler fragte, ob ich meine Hausaufgaben gemacht hätte, was natürlich wie üblich nicht der Fall war. Ich borgte mir schnell einen Stift aus, doch schon kam der Lehrer herein. „Aufstehen! … Setzen!“ Der Lehrer setzte sich auf seinen Stuhl, legte den Rohrstock vor sich aufs Pult, und ich hatte noch immer kein Wort geschrieben. Das Thema des Aufsatzes war „Märtyrer“. Als ich versuchte zu schreiben, ging der Stift nicht. Die Tinte war eingetrocknet. Ich schrieb trotzdem. Ich schaffte es, den ganzen Aufsatz durch den bloßen Abdruck des Stifts auf dem Papier zu verfassen. Dann rief der Lehrer einen Schüler auf. Wir sollten unsere Aufsätze laut vorlesen. Schließlich war ich an der Reihe. Ich nahm mein Heft und stieg aufs Katheder. Das Portrait meines Onkels Scheich Marx prangte auf dem Hefteinband, der wiederum mein Gesicht vor der Klasse verbarg.
Ich begann, meinen Aufsatz vorzulesen: „Ich suche Zuflucht bei Allah vor dem gesteinigten Satan. Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen. Meine ja nicht, diejenigen, die auf Allahs Weg getötet worden sind, seien wirklich tot. Nein! Vielmehr sind sie lebendig bei ihrem Herrn und werden versorgt. Auf den Straßen trägt jeder Passant einen Sprengstoffgürtel und alle Fahrzeuge sind Autobomben. In jedem Haus, jedem Garten, jedem Winkel der Stadt, in den Müllcontainern, den Krankenhäusern und Schulen: Überall hat man elektronische Chips versenkt, damit der Kampfjet auch jeden Menschen erspähen und zielsicher treffen kann. Jeden, der vorbeigeht, der sich bewegt, läuft, schläft oder sitzt. In einem Hollywood-Klischee wirst du zum Märtyrer: Gerade, wenn du deine Zigarette anzündest, fliegt plötzlich irgendetwas in die Luft. Dein Handy klingelt, du gehst ran, plötzlich fliegt etwas in die Luft. Man sagte uns: ‚Versteckt euch unter der Treppe!’. Dann sagte man: ‚Flieht in die Schulen und Luftschutzbunker!’ Der Kampfjet ließ alles an seinem Ort, nur die Treppe, die Schule und den Luftschutzbunker zerbombte er.
Die Märtyrer, Herr Lehrer, die Märtyrer sind die, die noch am Leben sind. Die Zahl der Todesopfer hat begonnen, meine Mutter zu nerven. Kennen Sie eigentlich Yusuf al-Azma, Herr Lehrer? Yusuf al-Azma, Herr Lehrer, nicht Yasser al-Azma. Yusuf al-Azma, Herr Lehrer, der war ein Märtyrer. Kennen Sie eigentlich Khawla, die Tochter des Azwar, Herr Lehrer? Dieses Mädchen war die erste Märtyrerin im Islam. Und kennen Sie Basel Shehade, Herr Lehrer? Er war der schönste Märtyrer im Islam, Herr Lehrer. … Was heißt das schon: Märtyrer? Wir wollen doch alle leben. Die Revolution des Lebens, Herr Lehrer, die Revolution des Lebens ist unser Aufsatzthema, nicht Märtyrertum und Märtyrer, Herr Lehrer. Herr Lehrer, ich will 40 blonde Mädels, ich will keine Huris. Herr Lehrer, geben Sie mir eine Flasche Al-Shark-Bier, und die Flüsse, in denen Wein fließt, können Sie behalten. Die Nachrichtensendung auch. Herr Lehrer, bringen Sie uns doch lieber die Nachricht, dass die Mathelehrerin krank ist und der Unterricht ausfällt. Herr Lehrer, das Leben ist nicht zur anderen Seite hin geöffnet …“ Der Lehrer unterbrach mich: „Genug jetzt, gib mir deinen Aufsatz.“ Er nahm mein Heft und fing an, durch die weißen, makellosen, bakterienfreien Seiten zu blättern. „Wo ist denn der Aufsatz, aus dem du gerade vorgelesen hast?“ Ich schlug ihm die Seite mit den Stiftabrücken auf und sagte: „Hier, das ist mein Aufsatz.“ „Was soll denn das sein? Das ist doch eine leere Seite.“ „Herr Lehrer, wirklich, die Tinte war eingetrocknet. Schauen Sie, nur, schauen Sie. Halten Sie’s ein wenig schräg in die Sonne, dann sieht man’s ganz deutlich.“ „Was hier, ganz deutlich … Sag mal willst du uns vergackeiern? Du hast doch deine Hausaufgaben wieder nicht gemacht! Lügen tust du also auch noch! Los, halt deine Hand auf.“ Ich zögerte, ballte meine Hände zu Fäusten und fing vor Angst an zu wimmern. „Herr Lehrer, die Tinte war aber wirklich eingetrocknet!“ Der Lehrer begann, auf meine Schultern einzuschlagen. Dabei schrie er: „Du lügst ja immer noch, du Tier! … Du Versager … Du Faulpelz!“ Weiter auf mich eindrischend sagte er: „Khawla, die Tochter des Azwar, also, he?“ Er schlug und schlug. „Und Basel Shehade war übrigens Christ, du Nichtsnutz.“ Noch mehr Schläge. „Doch, doch, Herr Lehrer, er war Muslim, aber die Tinte im Stift war eingetrocknet.“ „Und wer hat dir gesagt, dass das Leben nicht zur anderen Seite hin geöffnet ist? He?!“ „Doch, doch, es ist ja geöffnet, ganz bestimmt ist es geöffnet, Herr Lehrer … Aber die Tinte war eingetrocknet!“ „Jetzt verzieh dich auf deinen Platz, wird’s bald!“ Ich nahm mein Heft und ging an meinen Platz. Der Lehrer setzte sich auch wieder hinter sein Pult und winkte mit seinem Rohrstock wie ein Folterknecht oder ein Kerkermeister. Er sagte: „Wird’s bald! Der Nächste!“

Gut gemacht
Wenn dich der letzte Hoffnungsschimmer verlassen hat, wirst du wie eine an einen blöden Pfosten gehängte Lampe aussehen.
Hoffnung ist eine psychologische Täuschung, die dich dein ganzes Leben lang begleitet: Versuch also, nicht an ihr zu hängen. Lass deine Seele einfach los, mit allen deinen Sorgen, und dann stürz dich mit voller Kraft ins Nichts, ohne auch nur einen Moment zu zögern.
Tätschle deiner untreuen Ehefrau auf die Schulter und sage ihr: „Gut gemacht.“ Mal wachst du auf als frisch Verliebter, mal als Arbeitsloser oder vielleicht als einer, der gerade von der Pilgerfahrt nach Mekka zurückgekehrt ist. Wie dem auch sei, schlafe jeden Morgen nach dem Aufwachen mit deiner Frau, als sei sie eine Jungfrau. Und wenn du fertig bist, dann trink eine Tasse heiße Schokolade. Nicht um deinen Blutdruck zu senken, sondern um deinen Erfolg zu feiern, dass du es geschafft hast, ihr Jungfernhäutchen zu zerreißen, ohne auf zusätzliche Hilfsmittel zurückzugreifen. Dann zieh dir deine schönsten Kleider an. Vergiss nicht, deiner Frau auf die Schulter zu klopfen und ihr zu sagen: „Gut gemacht.“
Geh aus dem Haus, vor dich her trällernd: „Oh meine Liebste, wir sind ihre Opfer … die Opfer der revolutionären Bewegung.“ Such dir eine Hauptstraße aus, die du entlangschlenderst, ganz normal. Nichts unterscheidet dich von jedem anderen x-beliebigen Mann.
Nur, dass er irgendwo hingeht, während du ins Nirgendwo gehst. Grüße im Vorbeigehen die aus Moscheen und Kirchen kommenden Leute und sage ihnen: „Gut gemacht!“
Leg einen Schritt zu. Schließ dich einer Demo an für die Aufhebung der Gaza-Blockade und die Umsetzung aller auf Eis gelegten UN-Resolutionen. Vergiss dabei nicht, ganz vorne mitzulaufen. Und wenn die Polizei kommt, mit ihren Wasserwerfern und ihrem Tränengas, klopf ihnen auf die Schulter und sage: „Gut gemacht.“ Dann verlass unbemerkt die Demo, folge der Blondine mit der roten Fahne, und versuch, sie zu überzeugen, dass die Arbeiter der Welt sich nicht vereinigen werden. Und wenn du sie überzeugt hast, lass sie dir auf die Schulter klopfen und sagen: „Gut gemacht.“ Auch der Popcornverkäufer wird sich euch anschließen. Und die Schulschwänzer. Die Arbeiter, die unter der Brücke stehen. Die Bauern und die Handwerker. Die Frau, die von ihrem Ehemann wegen ihres beißenden Zwiebelmundgeruchs verprügelt wurde
Der Teenager, der nach Gianna-Michaels-Filmen giert. Die Geisteskranken. Die Obdachlosen. Die Prostituierten. Die Fahnenflüchtigen. Die Systemuntreuen. Sie alle werden dir folgen. Dann werden sie dir auf die Schulter klopfen und sagen: „Gut gemacht.“
Lass sie dir ins Nichts folgen. Sei der Anführer dieser Parade. Und wenn du merkst, dass deine schönen Schuhe langsam durchgetreten sind, lass sie ihren Umzug alleine weiter machen und gehe fort. Ganz unbemerkt steigst du auf die Ladefläche eines Lastwagens, der dich nach Hause bringt. Und wenn du angekommen bist, klopf dem Laster auf das Hinterteil und sage: „Gut gemacht.“ Schließ deine Haustür auf und sing dabei: „Oh, meine Liebste, wir sind ihre Opfer … die Opfer der revolutionären Bewegung.“
Und vergiss nicht, dir am Ende selbst zu sagen: „Gut gemacht.“

Die Übersetzung aus dem Arabischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amts unterstützt durch Litprom – Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.

Der Autor

Aboud Saeed_Portrait_(c) mikrotextAboud Saeed wurde 1983 geboren und lebt derzeit mit politischem Asyl in Berlin. Bis November 2013 lebte er in Manbidsch, einer Kleinstadt im Norden Syriens in der Nähe von Aleppo. Er arbeitete als Schmied und eröffnete mit Beginn der syrischen Revolution im Frühjahr 2011 ein Facebook-Konto. Eine Auswahl seiner Statusmeldungen in der Übersetzung von Sandra Hetzl erschien unter dem Titel Der klügste Mensch im Facebook 2013 bei mikrotext als seine erste eigenständige Veröffentlichung. Sie wurde seitdem ins Englische und Spanische übersetzt, für zwei Hörspielfassungen bearbeitet, in Anthologien aufgenommen („Syria Speaks. Art and Culture from the Frontline“, London 2014, „The Animated Reader: Poetry of Surround Audience“, New York 2015) und wird 2015 als Theaterstück am Ballhaus Naunynstr. in Berlin inszeniert. Lebensgroßer Newsticker ist auch seit Herbst 2015 als Buch erhältlich, bei Spector Books in der Reihe Volte, herausgegeben von Jörn Dege und Mathias Zeiske. Aboud Saeed ist seit November 2015 Kolumnist von VICE Germany und seit Februar 2016 taz-Kolumnist.

Die Übersetzerin

Sandra Hetzl_Portrait_privatSandra Hetzl wurde 1980 in München geboren und lebt in Beirut und in Berlin. Sie studierte an der UdK Visual Culture Studies und arbeitet als Dokumentarfilmerin und Übersetzerin aus dem Arabischen. Sie ist außerdem der Kopf hinter 10/11, einem Labor für experimentelle, unkonventionelle und zeitgenössische Formate der arabischen Literatur.


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